Das bengalische Massaker

Pakistan, die Welt und wir

Von Theo Sommer

Eine Nachricht, so lernten es amerikanische Zeitungsleute, ehe Funk und Fernsehen die Welt zu einem Dorf im Medienverbund machten, eine Nachricht ist: ein toter Amerikaner, zehn tote Europäer, hundert tote Inder.

Selbst nach diesem hartherzigen Profimaßstab müßte, was sich gegenwärtig in Bengalen abspielt, als Tragödie ungeheuerlichen Ausmaßes, gelten, täglich gellender Schlagzeilen auf den Titelseiten wert. Eine Viertelmillion Bengalis in Ostpakistan .umgebracht, vielleicht eine halbe oder gar eine ganze; zwischen fünf und sechs Millionen in die benachbarten indischen Provinzen vertrieben oder geflüchtet; die Geflohenen von der Cholera bedroht, die Gebliebenen vom Terror der Westpakistaner, beide jedoch vom Verhungern – dies ist der dürre Steckbrief des politischen, menschlichen, moralischen Desasters. Die zivilisierte Welt behandelt es, wegen der Bazillen, vor allem als hygienisches Problem.

Vielleicht kann sie nicht anders. Vielleicht wird sie in ihrer Mitleidsfähigkeit überfordert. Überschwemmungen, Erdbeben, Kriege und Bürgerkriege, all das in nie endender Folge jeden Tag auf der Mattscheibe serviert, stumpft auf die Dauer ab. Es erzeugt ein Gefühl der Vergeblichkeit: So viel Hilfe, wie da nötig wäre, könnte auch eine Welt voller steinreicher guter Samariter nicht leisten.

Auch ereignen sich die Katastrophen meist auf entlegenen Schauplätzen. Es ist nur menschlich, daß die Anteilnahme im Quadrat der Entfernung abnimmt. Das Hemd ist einem näher als der Rock. Vierzig Tote bei einem Eisenbahnunglück im eigenen Lande rühren die Herzen mehr als vierhunderttausend im fernen Gangesdelta.

Die Dimension des Grauens

Das bengalische Massaker

Schließlich übersteigt die Größenordnung der Katastrophe unser Begriffsvermögen. Der Tod, das wußten schon die alten Griechen, ist nur in kleiner Zahl faßbar. Er gerinnt zum blassen, unverstandenen Abstraktum, WK er massenhaft auftritt. Sechs Millionen umgebrachte Juden: das ist eine Zahl, die ob ihrer Ungeheuerlichkeit erschlägt; Anne Frank, das eine gemordete Judenmädchen, ist ein Schicksal, das erschüttert. Auch das ist menschlich.

Gleichwohl sollten wir uns zwingen, den Blick nicht abzuwenden vom bengalischen Elend, sondern bewußt hinzusehen. Was sich in jenem fernen Landstrich vollzieht, ist eine Tragödie, wie sie die Erde seit den europäischen Vertreibungen der Jahre 1945/46 nicht mehr erlebt hat. Zweierlei gilt es zu erkennen: die Dimension des Grauens, das sich dort auftut, und die schändliche Unzulänglichkeit der Bemühungen, Hilfe zu bringen, wo Hilfe nötig und möglich wäre.

Frühere Generationen hatten ein Wort dafür: Sie sprachen von Greueln. Die Bulgarischen Greuel etwa oder später die Armenischen Greuel – sie pflegten bewegte Debatten auszulösen und die Gemüter der Völker in Wallung zu bringen. In Ostpakistan geht es um nichts Geringeres. Genau gesagt: Eine Regierung mißbraucht ihre Souveränität, um einen Teil der ihr untergebenen, unterworfenen Bürger auszurotten.

Niemand kann noch daran zweifeln, der den Bericht gelesen hat, der die Seiten 3 bis 5 dieser Ausgabe füllt. Sein Verfasser ist Anthony Mascarenhas, ein angesehener, aufrechter, glänzend beleumdeter westpakistanischer Journalist, bis vor kurzem Stellvertretender Chefredakteur der Morning News in Karatschi. Er war im April mit einer Gruppe von Journalisten nach Ostpakistan geschickt worden, um von dort patriotische Berichte über die Rückkehr der abtrünnigen Provinz zur "Normalität" zu schreiben. Was er mit eigenen Augen sah, erschütterte ihn jedoch so tief, daß er seine Frau und seine fünf Kinder außer Landes brachte und sich nach London absetzte. Mascarenhas’ aufwühlender Bericht erschien dort zuerst in der Sunday Times. Er läßt keinen Zweifel daran: Das Regime Yahya Khans ist nicht nur darauf aus, alle Hindus aus Ostpakistan zu vertreiben, sondern rottet in gezielten Massakern auch die auf Autonomie bedachte muselmanische Führungsschicht aus.

Wir veröffentlichen den Bericht Mascarenhas’, weil er eine Frage beantwortet, die bisher unbeantwortet geblieben ist: warum nämlich fünf oder sechs Millionen Ostbengalis ihrer Heimat den Rücken kehrten – und warum bisher, nach Angaben der pakistanischen Botschaft in London, nur 15 000 den Mut aufgebracht haben, Yahya Khans Aufforderung zur Rückkehr zu befolgen. Die Darstellung von Mascarenhas ist mittlerweile aus vielerlei Quellen bestätigt worden. Es läßt sich danach nicht mehr bezweifeln, daß die westpakistanischen Truppen alles getan haben, sich den Namen Soldateska zu verdienen. Sie plündern, schänden, brandschatzen und morden weiter. Was in Ostbengalen vor sich geht, ist Genozid: Völkermord.

Wo bleiben die Proteste? Die Proteste der Linken, die nicht müde wird, das Schicksal der hingemetzelten indonesischen Kommunisten zu beschwören? Der Kirchen, die sich im Falle der christlichen Biafraner so mächtig engagierten? Der sogenannten Dritten Welt, die doch keine Gelegenheit verpaßt, Verbrechen beim Namen zu nennen, wenn sie von Weißen begangen werden?

Die Welt kann wenig tun, um eine vernünftige, menschliche Lösung durchzusetzen. Nach dem vietnamesischen Fiasko der Vereinigten Staaten birgt jegliche Art von ethischem Imperialismus nur noch geringe Anziehungskraft. Niemand wird Truppen marschieren lassen, um den Ostbengalis zu helfen – die Vereinten Nationen nicht und nicht die Großmächte. Es gibt nur einen einzigen Hebel: den der Auslandshilfe. Pakistan lebt davon. Und wenn es auch im allgemeinen unklug sein mag, solche Hilfe mit politischen Auflagen zu verknüpfen – hier drängt es sich auf, es zu versuchen. Keinem der Geberländer kann damit gedient sein, ein Regime zu unterstützen, das Krieg gegen seine eigenen Bürger führt und den ganzen indischen Subkontinent ins Unheil zu stürzen droht.

Das bengalische Massaker

Alle Hilfe der Welt wird nichts ausrichten können, wenn nicht, wie der britische Außenminister gesagt hat, ein "politischer Rahmen" geschaffen wird, in dem sie wirksam werden kann. Politischer Rahmen jedoch heißt: Ostpakistan darf nicht länger vergewaltigt werden. Das Morden und Sengen muß aufhören; die Armee muß abziehen; die Ostprovinz muß die Autonomie erhalten. Nur so kann es gelingen, den apokalyptischen Reitern in die Zügel zu fallen.

Hinter der bengalischen Tragödie wird jedoch noch ein anderes Problem sichtbar: die Unzulänglichkeit aller Vorkehrungen, mit Katastrophen dieser Dimension, seien sie Menschenwerk oder Schläge der Natur, angemessen fertig zu werden. Die Hilfe von außen läuft schwer an – und dann läuft sie oft in die Irre. Vielerlei Organisationen arbeiten planlos nebeneinander her, oft mehr auf ihr eigenes Bild bedacht als auf den Sinn ihrer Hilfe. Da werden Decken in Gegenden geschickt, wo die Temperatur nie unter 18 Grad sinkt; Stockfisch, wo das Wasser, ihn einzuweichen, verseucht ist; ausländische Ärzte, wo die einheimischen, besser mit den Zuständen vertraut, völlig ausreichen würden, wenn man sie nur mit dem Nötigsten versorgte. Das bengalische Elend hat erneut bewiesen, wie wichtig es wäre, jenen Weltkatastrophenhilfsdienst ins Leben zu rufen, über den seit dem Erdbeben von Skopje geredet wird – geredet und geredet.

Rund 600 Millionen Mark braucht Indien, wenn es die sechs Millionen Flüchtlinge lebend über die nächsten sechs Monate bringen will. In Ostpakistan zeichnet sich gleichfalls eine Hungersnot ab. Vier bis neun Millionen Menschen würden, wenn sich die Welt nicht zur Hilfe aufrafft, dabei umkommen – so urteilt der Sonderkorrespondent der Financial Times. Sein Kollege Alan Hart von der BBC sieht die Dinge noch schwärzer: "Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß bis September/Oktober 20 Millionen Ostbengalis oder mehr verhungern ..." Die Hilfe, welche die zivilisierte Welt bisher in Marsch gesetzt hat, ist knapp ein Zehntel dessen, was benötigt würde, um Millionen vor dem Hungertode zu bewahren.

Eine Chance für Bonn

So grausam es klingt: Vielleicht kommt die Hilfe für dieses Mal zu spät. Doch sollte es das letzte Mal sein, daß dies geschieht. Ein Brite hat jüngst ausgerechnet, daß die Zahl der Menschen, die allein im vergangenen Jahr in Katastrophen umgekommen sind, ungefähr der Passagierzahl von 9000 vollbesetzten Jumbo-Jets entspricht. Wie kann es angesichts solcher Größenordnungen angehen, daß noch immer kein Welthilfsdienst ins Leben gerufen worden ist? Daß es keinen bereitgestellten Lufttransportraum gibt, keine Lager mit Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Rettungsvorräten? Keinen zentralen Weltnotstands-Computer, der die Möglichkeiten aller staatlichen, religiösen, privaten Hilfsorganisationen optimal koordiniert? Keine völkerrechtliche Vereinbarung über wirksame internationale Hilfeleistung bei nationalen Katastrophen?

Der Bundesregierung eröffnet sich hier eine Chance. Sie ist einerseits ein führendes Mitglied des Konsortiums, von dem Pakistan finanziell lebt; sie sollte deshalb all ihren Einfluß mobilisieren. Anderseits sollte sie ihren sozialen Impetus vor aller Welt beweisen, indem sie bei der Schaffung eines Weltzentrums für Katastrophenhilfe die Initiative ergreift. "Ich beantworte die Frage mit Ja", sagte der parlamentarische Staatssekretär im Auswärtigen Amt lahm, als ein Abgeordneter wissen wollte, ob die Regierung darauf zielende Pläne wohlwollend unterstütze. Mit solcher Labrigkeit darf es nicht getan sein. Hier muß mehr geschehen.

Die Opposition kann kaum etwas dagegen haben. Es sei denn, sie wollte die Worte ihres Fraktionsvorsitzenden Lügen strafen: daß die Deutschen durch Werke des Friedens für die Welt bedeutsam werden müßten.