Schließlich übersteigt die Größenordnung der Katastrophe unser Begriffsvermögen. Der Tod, das wußten schon die alten Griechen, ist nur in kleiner Zahl faßbar. Er gerinnt zum blassen, unverstandenen Abstraktum, WK er massenhaft auftritt. Sechs Millionen umgebrachte Juden: das ist eine Zahl, die ob ihrer Ungeheuerlichkeit erschlägt; Anne Frank, das eine gemordete Judenmädchen, ist ein Schicksal, das erschüttert. Auch das ist menschlich.

Gleichwohl sollten wir uns zwingen, den Blick nicht abzuwenden vom bengalischen Elend, sondern bewußt hinzusehen. Was sich in jenem fernen Landstrich vollzieht, ist eine Tragödie, wie sie die Erde seit den europäischen Vertreibungen der Jahre 1945/46 nicht mehr erlebt hat. Zweierlei gilt es zu erkennen: die Dimension des Grauens, das sich dort auftut, und die schändliche Unzulänglichkeit der Bemühungen, Hilfe zu bringen, wo Hilfe nötig und möglich wäre.

Frühere Generationen hatten ein Wort dafür: Sie sprachen von Greueln. Die Bulgarischen Greuel etwa oder später die Armenischen Greuel – sie pflegten bewegte Debatten auszulösen und die Gemüter der Völker in Wallung zu bringen. In Ostpakistan geht es um nichts Geringeres. Genau gesagt: Eine Regierung mißbraucht ihre Souveränität, um einen Teil der ihr untergebenen, unterworfenen Bürger auszurotten.

Niemand kann noch daran zweifeln, der den Bericht gelesen hat, der die Seiten 3 bis 5 dieser Ausgabe füllt. Sein Verfasser ist Anthony Mascarenhas, ein angesehener, aufrechter, glänzend beleumdeter westpakistanischer Journalist, bis vor kurzem Stellvertretender Chefredakteur der Morning News in Karatschi. Er war im April mit einer Gruppe von Journalisten nach Ostpakistan geschickt worden, um von dort patriotische Berichte über die Rückkehr der abtrünnigen Provinz zur "Normalität" zu schreiben. Was er mit eigenen Augen sah, erschütterte ihn jedoch so tief, daß er seine Frau und seine fünf Kinder außer Landes brachte und sich nach London absetzte. Mascarenhas’ aufwühlender Bericht erschien dort zuerst in der Sunday Times. Er läßt keinen Zweifel daran: Das Regime Yahya Khans ist nicht nur darauf aus, alle Hindus aus Ostpakistan zu vertreiben, sondern rottet in gezielten Massakern auch die auf Autonomie bedachte muselmanische Führungsschicht aus.

Wir veröffentlichen den Bericht Mascarenhas’, weil er eine Frage beantwortet, die bisher unbeantwortet geblieben ist: warum nämlich fünf oder sechs Millionen Ostbengalis ihrer Heimat den Rücken kehrten – und warum bisher, nach Angaben der pakistanischen Botschaft in London, nur 15 000 den Mut aufgebracht haben, Yahya Khans Aufforderung zur Rückkehr zu befolgen. Die Darstellung von Mascarenhas ist mittlerweile aus vielerlei Quellen bestätigt worden. Es läßt sich danach nicht mehr bezweifeln, daß die westpakistanischen Truppen alles getan haben, sich den Namen Soldateska zu verdienen. Sie plündern, schänden, brandschatzen und morden weiter. Was in Ostbengalen vor sich geht, ist Genozid: Völkermord.

Wo bleiben die Proteste? Die Proteste der Linken, die nicht müde wird, das Schicksal der hingemetzelten indonesischen Kommunisten zu beschwören? Der Kirchen, die sich im Falle der christlichen Biafraner so mächtig engagierten? Der sogenannten Dritten Welt, die doch keine Gelegenheit verpaßt, Verbrechen beim Namen zu nennen, wenn sie von Weißen begangen werden?

Die Welt kann wenig tun, um eine vernünftige, menschliche Lösung durchzusetzen. Nach dem vietnamesischen Fiasko der Vereinigten Staaten birgt jegliche Art von ethischem Imperialismus nur noch geringe Anziehungskraft. Niemand wird Truppen marschieren lassen, um den Ostbengalis zu helfen – die Vereinten Nationen nicht und nicht die Großmächte. Es gibt nur einen einzigen Hebel: den der Auslandshilfe. Pakistan lebt davon. Und wenn es auch im allgemeinen unklug sein mag, solche Hilfe mit politischen Auflagen zu verknüpfen – hier drängt es sich auf, es zu versuchen. Keinem der Geberländer kann damit gedient sein, ein Regime zu unterstützen, das Krieg gegen seine eigenen Bürger führt und den ganzen indischen Subkontinent ins Unheil zu stürzen droht.