Alle Hilfe der Welt wird nichts ausrichten können, wenn nicht, wie der britische Außenminister gesagt hat, ein "politischer Rahmen" geschaffen wird, in dem sie wirksam werden kann. Politischer Rahmen jedoch heißt: Ostpakistan darf nicht länger vergewaltigt werden. Das Morden und Sengen muß aufhören; die Armee muß abziehen; die Ostprovinz muß die Autonomie erhalten. Nur so kann es gelingen, den apokalyptischen Reitern in die Zügel zu fallen.

Hinter der bengalischen Tragödie wird jedoch noch ein anderes Problem sichtbar: die Unzulänglichkeit aller Vorkehrungen, mit Katastrophen dieser Dimension, seien sie Menschenwerk oder Schläge der Natur, angemessen fertig zu werden. Die Hilfe von außen läuft schwer an – und dann läuft sie oft in die Irre. Vielerlei Organisationen arbeiten planlos nebeneinander her, oft mehr auf ihr eigenes Bild bedacht als auf den Sinn ihrer Hilfe. Da werden Decken in Gegenden geschickt, wo die Temperatur nie unter 18 Grad sinkt; Stockfisch, wo das Wasser, ihn einzuweichen, verseucht ist; ausländische Ärzte, wo die einheimischen, besser mit den Zuständen vertraut, völlig ausreichen würden, wenn man sie nur mit dem Nötigsten versorgte. Das bengalische Elend hat erneut bewiesen, wie wichtig es wäre, jenen Weltkatastrophenhilfsdienst ins Leben zu rufen, über den seit dem Erdbeben von Skopje geredet wird – geredet und geredet.

Rund 600 Millionen Mark braucht Indien, wenn es die sechs Millionen Flüchtlinge lebend über die nächsten sechs Monate bringen will. In Ostpakistan zeichnet sich gleichfalls eine Hungersnot ab. Vier bis neun Millionen Menschen würden, wenn sich die Welt nicht zur Hilfe aufrafft, dabei umkommen – so urteilt der Sonderkorrespondent der Financial Times. Sein Kollege Alan Hart von der BBC sieht die Dinge noch schwärzer: "Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß bis September/Oktober 20 Millionen Ostbengalis oder mehr verhungern ..." Die Hilfe, welche die zivilisierte Welt bisher in Marsch gesetzt hat, ist knapp ein Zehntel dessen, was benötigt würde, um Millionen vor dem Hungertode zu bewahren.

Eine Chance für Bonn

So grausam es klingt: Vielleicht kommt die Hilfe für dieses Mal zu spät. Doch sollte es das letzte Mal sein, daß dies geschieht. Ein Brite hat jüngst ausgerechnet, daß die Zahl der Menschen, die allein im vergangenen Jahr in Katastrophen umgekommen sind, ungefähr der Passagierzahl von 9000 vollbesetzten Jumbo-Jets entspricht. Wie kann es angesichts solcher Größenordnungen angehen, daß noch immer kein Welthilfsdienst ins Leben gerufen worden ist? Daß es keinen bereitgestellten Lufttransportraum gibt, keine Lager mit Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Rettungsvorräten? Keinen zentralen Weltnotstands-Computer, der die Möglichkeiten aller staatlichen, religiösen, privaten Hilfsorganisationen optimal koordiniert? Keine völkerrechtliche Vereinbarung über wirksame internationale Hilfeleistung bei nationalen Katastrophen?

Der Bundesregierung eröffnet sich hier eine Chance. Sie ist einerseits ein führendes Mitglied des Konsortiums, von dem Pakistan finanziell lebt; sie sollte deshalb all ihren Einfluß mobilisieren. Anderseits sollte sie ihren sozialen Impetus vor aller Welt beweisen, indem sie bei der Schaffung eines Weltzentrums für Katastrophenhilfe die Initiative ergreift. "Ich beantworte die Frage mit Ja", sagte der parlamentarische Staatssekretär im Auswärtigen Amt lahm, als ein Abgeordneter wissen wollte, ob die Regierung darauf zielende Pläne wohlwollend unterstütze. Mit solcher Labrigkeit darf es nicht getan sein. Hier muß mehr geschehen.

Die Opposition kann kaum etwas dagegen haben. Es sei denn, sie wollte die Worte ihres Fraktionsvorsitzenden Lügen strafen: daß die Deutschen durch Werke des Friedens für die Welt bedeutsam werden müßten.