Von Karl-Heinz Janßen

Das Bild des „häßlichen Amerikaners“ hat in den letzten beiden Wochen die Züge von Lyndon B. Johnson angenommen. Ein Texaner von übersteigertem Selbstbewußtsein, überzeugt von der wundertätigen Mission der Weltmacht Amerika, unbekümmert um die Rechte kleiner Nationen, ein zynischer, durchtriebener Politiker, der rücksichtslos, frei, von moralischen oder rechtlichen Bedenken, sein Ziel verfolgt und dabei nicht davor zurückscheut, das eigene Volk mit Lug und Trug hinters Licht zu führen – so stellt er sich in den Köpfen mancher Menschen dar, seit die New York Times sie hinter die Kulissen der amerikanischen Vietnampolitik hat schauen lassen.

Doch der Schein trügt. Die New York Times und nach ihr die Washington Post und der Boston Globe haben nur einen Teil der Wahrheit aufgedeckt. Ihre Analysen der Geheimdokumente aus dem Pentagon sind so parteiisch wie das Plädoyer eines Staatsanwaltes.

Die Artikelserie – ein Extrakt aus 47 Aktenbänden mit zusammen 7000 Seiten – ist noch nicht die Geschichte des Vietnam-Krieges, allenfalls ihr Grundstein. Schon die Entstehung der Pentagon-Studie gibt zu denken: Robert McNamara, einer der Hauptverantwortlichen für den amerikanischen Land- und Luftkrieg in Indochina, hatte, ehe er, tief enttäuscht vom Mißerfolg seiner Politik, sein Amt aufgab, dreißig bis vierzig Professoren und Assistenten, Offiziere und Beamte angesetzt, die Kriegsakten des Verteidigungsministeriums auszuwerten. Er wollte wissen, wie alles gekommen sei; womöglich hoffte er einen Sündenbock zu finden. Einigen der Autoren darf man getrost Voreingenommenheit oder Befangenheit unterstellen, denn in der Studie sparen sie nicht mit Kritik und Verurteilungen, wohl etwas vorschnell, da sie weder die Akten des Präsidenten, noch des State Departments kannten oder zitierten.

Ex-Präsident Johnson glaubt in dem Machwerk noch die Geisterhand seines toten Rivalen und Justizministers Robert Kennedy zu spüren, der mit McNamara befreundet war und Munition für seinen Wahlfeldzug gegen Johnson brauchte. So wäre also das Ganze nur ein Nachklang der erbitterten Fehde zwischen Johnsonianern und Kennedyanern gewesen?

Aus der wertenden Teilstudie der Pentagonforscher mußte dann ein Stab von Redakteuren der New York Times eine bewertende Geschichte schreiben, die mit ausgewählten Dokumenten garniert wurde. Objektivität ist nicht voraussetzbar, denn diese Zeitung hat Johnsons Engagement in Vietnam von Anfang an kritisiert.

Vielen Amerikanern, deren Informationsstand in Sachen Vietnam hierzulande leicht überschätzt wird, mögen freilich erst jetzt die Augen übergegangen sein. Aber eigentlich neue Tatsachen sind nicht ausgebreitet worden: Daß Eisenhower und Dulles freie Wahlen in ganz Vietnam verhindern wollten, daß Kennedy und Johnson einen geheimen Untergrundkrieg gegen Nordvietnam inszeniert haben, daß die Bomberoffensive von langer Hand vorbereitet war, daß Johnson in den Jahren 1964/65 bewußt die Möglichkeiten für Verhandlungen mit Hanoi oder der NLF blockiert und dann bis 1968 der anderen Seite praktisch die Kapitulation zugemutet hat, daß seine Ratgeber Rusk, McNamara, Rostow, die Brüder Bundy, Taylor – allesamt Männer der Ära Kennedy – für einen harten und der einsame George Ball und der CIA für einen gemäßigten Kurs waren – dies alles läßt sich mehr oder weniger in den Büchern der Journalisten Lothar Ruehl und Henry Brandon, in den Studien der amerikanischen Professoren John Galbraith, Arthur Schlesinger und Gabriel Kolko und in ungezählten Broschüren und Flugschriften der internationalen jungen Linken nachlesen.