Von Hansjakob Stehle

er Champagner schäumt über Pappbecher. Aus heiseren Kehlen kommen Jubelschreie. „Ich befehle euch Nüchternheit!“, spricht indessen mit der wohleinstudierten Miene eines Staatsmannes Giorgio Almirante, Parteichef der neofaschistischen „Italienischen Sozialbewegung“ (MSI). Nur mit Mühe beherrscht er sich und die Seinen in diesem berauschenden Augenblick, da mit den Hunderten, meist jungen „Kameraden“, die fahnenschwenkend die Treppen im römischen Palazzo del Drago hinaufstürmen, immer neue Nachrichten von dem – für sie selbst unerwarteten – Wahlerfolg in der Parteizentrale eintreffen.

Es sind entflammt-naive, aber auch brutalentschlossene Gesichter, auf denen sich leise Enttäuschung ausbreitet, als der Chef, der sich sonst so gern in der pathetischen Pose eines „Duce“ gefällt, nun ankündigt: „Ruhe befehle ich euch – von heute an werde ich immer öfter dieses Wort gebrauchen, denn Anstand und Ordnung haben wir unseren Wählern versprochen!“ Um Almirantes Mund unter dem grauen Bärtchen zuckt leise Verlegenheit.

MSI-Chef Almirante weiß, daß in dieser Nacht zum 15. Juni 1971 nicht nur der Anteil seiner Partei an den sieben Millionen Stimmen der Regional- und Kommunalwahlen von 8,2 auf 13,9 Prozent gewachsen ist, sondern zugleich eine Verantwortung, der er kaum gewachsen ist. Von den 390 000 Sizilianern (16,3 Prozent) oder den 258 000 Bürgern Roms (16,2 Prozent), die seine Partei wählten, stimmten nur die wenigsten für eine Ideologie oder gar für Schlägerbanden, Bombenwerfer und Möchtegern-Putschisten. Sogar der sizilianische Parteichef der Kommunisten, Macaluso, räumte ein: „Es sind zum großen Teil keine Faschisten, sondern Unzufriedene, Desorientierte...“ Hat sich aber der Radikalismus jeder Couleur nicht stets nur jener Unlust an der Demokratie bedient, die überall gedeiht, wo Unfreiheit mit Ordnung verwechselt wird?

Die politische Dauerkrise Italiens, der es die Neofaschisten zu verdanken haben, daß sie „als einzige Sieger“ (Almirante) aus den letzten Wahlen hervorgingen, ist vor allem eine Krankheit der großen Mehrheitspartei, der Christlichen Demokraten: Gespalten in acht verschiedene Strömungen, verbraucht vom 25jährigen Regieren und angewiesen auf eine labile Koalition der „linken Mitte“ mit (unter sich zerstrittenen) Sozialdemokraten und Sozialisten, glauben die Christdemokraten ihr Gleichgewicht nur dann noch halbwegs halten zu können, wenn sie den Rechts- und den Linksextremismus, Faschisten und Kommunisten als „gleich gefährlich“ bekämpfen. Die Wahlen vom 13./14. Juni jedoch haben diese These fragwürdig gemacht: Nicht die Kommunisten, sondern die Neofaschisten sind vorangekommen und haben der großen Mehrheitsparteiviele Stimmen abgejagt.

Gewiß, die Kommunisten haben sich als zweitstärkste Partei im Lande gehalten, aber ihren örtlichen kleinen Erfolgen stehen Einbußen an anderen Orten gegenüber. Ihre Öffnung zur Mitte, ihr eigenwilliger, vom Moskauer Modell distanzierter Kurs ist nicht weit genug gediehen, um größere Wählermassen anzuziehen. Die gemäßigte Linke jedoch, Sozialisten und Sozialdemokraten, konnte Fortschritte verbuchen, weil sie die endlich (fast zu spät) begonnenen Sozialreformen glaubwürdiger betreibt als ihr christdemokratischer Koalitionspartner.

Der Schock, den die Christdemokraten erlitten, kann zerstörerisch oder – heilsam wirken. Wird er sie veranlassen, die Sozialreformen entschiedener anzupacken, und es aufzugeben, jene Kommunistenfurcht zu schüren, die am Ende nur den Mittelstand und die Bauern in die Arme der Neofaschisten treibt? Die Alternative dazu wäre eine Flucht nach rechts; viele, vielleicht die meisten Christdemokraten neigen dazu, aber nach Almirantes Wahlerfolg ist das schwieriger, weil kompromittierender geworden. Deshalb werden es Regierungschef Colombo und CD-Parteichef Forlani wahrscheinlich vorziehen, im Schwebezustand ihrer „linken Mitte“ weiter zu lavieren – entweder wie beim Wohnungsbaureformgesetz, das sie nur dank der Stimmenthaltung der Kommunisten über die erste parlamentarische Hürde brachten, oder auch wie beim Ehescheidungsgesetz, das sie trotz neofaschistischer Hilfe nicht verhindern konnten. Doch wie lange läßt sich so regieren in einem Lande, in dem die soziale Unruhe wächst und die wirtschaftliche Produktion sinkt?