Von Robert Jungk

Gegen Ende 1969 erschien im Leserbrief-Teil der New York Times ein kurzes Schreiben, in dem die vier Unterzeichner für einen baldigen und bedingungslosen Abzug der amerikanischen Truppen aus Vietnam eintraten. Die Verfasser hatten bis dahin zu den führenden Vietnam-Beratern der Regierung gehört; jetzt entschlossen sie sich zur Flucht in die Öffentlichkeit.

Der geistige Kopf der Gruppe war derselbe Daniel Ellsberg, der nun, anderthalb Jahre später, ins Gespräch gekommen ist: In ihm vermutet man den Mann, der die geheime Vietnam-Studie des Pentagon an die New York Times weitergegeben haben soll. Er selber bestätigt dies nicht, aber er sagt: „Es schmeichelt mir, daß man mich für den Mittelsmann hält.“ Nun geschehe endlich, was er lange vergeblich zu bewirken versucht habe: Die Öffentlichkeit merke auf.

Ende vorigen Jahres besuchte ich Ellsberg in seinem weißgestrichenen Strandhaus bei Malibu am Pazifischen Ozean. Ich wollte mit ihm, der lange Zeit bei der legendären Rand-Corporation gearbeitet hatte, zur Vorbereitung einer großen Studie über die „Denkfabriken“ und ihren Einfluß auf die Politik sprechen. Und es interessierten mich die Motive, die einen der „neuen Mandarine“ bewogen haben mochten, die strenge Disziplin der Geheimhaltung zu brechen.

Ellsberg erzählte mir, die Direktoren von „Rand“ und auch einige seiner Kollegen hätten sein „Ausbrechen“ zwar entschieden kritisiert, doch sei er nicht entlassen worden. Er wolle nun allerdings selbst nicht mehr bleiben, denn ihm sei klargeworden, daß seinen Auftraggebern in Wahrheit wohl nie an einer wirklich objektiven, vorurteilslosen Überprüfung politischer Ereignisse gelegen hätte. Lange Zeit habe er sich in der Illusion gewiegt, die „dort oben“ vertrügen die Wahrheit und seien durch die Wahrheit auch zu beeinflussen. Aber seine Erlebnisse hätten diese Vorstellung gründlich widerlegt.

Große Hoffnung hatte Ellsberg auf Henry Kissinger gesetzt. Von ihm hatte er Ende 1968 das Bekenntnis gehört, das Beste, was Amerika aus dem Konflikt noch herausholen könnte, wäre der Aufschub einer kommunistischen Machtübernahme in Südvietnam um zwei bis drei Jahre nach dem Abzug der amerikanischen Truppen. So meinte Ellsberg, in Kissinger einen Bundesgenossen zu finden, als er ihm, kurz nach seiner Ernennung zu Nixons außenpolitischem Berater, eine ausführliche Studie über die Beendigung des „schmutzigen Krieges“ vorlegte und darin – als eine von vier Möglichkeiten – den bedingungslosen Abzug und seine möglichen Folgen untersuchte. Kissinger jedoch habe ihm gesagt, er könne eine solche radikale Alternative seinem Chef gegenüber nicht einmal erwähnen. „Ich kam damals zu der bitteren Einsicht, daß es in unserem Lande nicht nur eine ‚schweigende Mehrheit‘, sondern auch eine ‚taube Regierung‘ gebe. Ich begann mir Gedanken darüber zu machen, ob man eine Exekutive, die nicht hören und nicht sehen will, überhaupt zur Aufmerksamkeit zwingen könnte.“

Der Analytiker Ellsberg stand mit solchen Gedanken nicht allein. Ähnliche Erfahrungen veranlaßten Dr. James Schlesinger, lange Jahre Direktor für strategische Studien bei „Rand“, zur Zeit führender Beamter im Budgetbüro der Regierung Nixon, in einer Studie über Uses and Abuses of Analysis zu der skeptischen Frage: „Sind die Entscheidungsmacher eigentlich imstande, Analysen zu ertragen – auch dann, wenn ihre eigenen Steckenpferde auseinandergenommen werden? Gibt es da für die Analytiker nicht Zeiden, die sagen: Bis hierher und nicht weiter?“