Wir sind alle hineingestellt in eine fürchterliche Unübersehbarkeit, der Reichtum der Einsichten und Organismen trug Verzweiflung und Wahnsinn in uns hinein, wir stehen machtlos der Einzelheit gegenüber, die keine Ordnung zur Form macht, es scheint, das Und zwischen den Dingen ist rebellisch geworden, alles liegt unverbindbar auf dem Haufen, und eine entsetzliche Einsamkeit macht das Leben stumm. (Franz Werfel, 1914)

Die Aussage Werfels ist geprägt von der Verunsicherung einer Epoche, in der Traditionen ins Wanken geraten, in der sich große politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen anbahnen, in der Dichter und Schriftsteller um neue Maßstäbe und Werte ringen müssen. Der Mensch scheint den für ihn nicht mehr – oder noch nicht – zu überblickenden Gedanken der Großen hilflos ausgeliefert zu sein. Er kann die Vielzahl der Eindrücke, die auf ihn einstürmen, nicht vereinen, steht einem Heer von Institutionen und Gruppen gegenüber, die verschiedene Einsichten und Aussichten vertreten. Die Verkettung von Strömungen aus Gesellschaft, Politik und Philosophie zieht den Menschen scheinbar unentrinnbar in einen Sog, in eine Entwicklung, deren Höhe- und Krisenpunkt wir 1918 erlebten und die dem Chaos unaufhaltsam entgegensteuerte.

Heute, 57 Jahre später, aus viel größerer Distanz und trotz einer Fülle zeitgeschichtlicher Dokumente, ist es uns noch immer nicht gelungen, die Fäden restlos zu entwirren und die wirklichen Beweggründe der Handlungen einzelner Personen und Gruppen lückenlos aufzuschlüsseln. Heute, nach einem halben Jahrhundert, hat der vorgelegte Text nichts von seiner brennenden Aktualität verloren, sondern kennzeichnet eine Situation, die für uns 1971 geradezu typisch ist.

Tag für Tag sind in allen Teilen der Welt Reporter unterwegs, werden Artikel, Analysen und Umfragen mehr oder weniger sorgfältig zusammengestellt und gedruckt, wird der Zeitungsmarkt von einer Fülle verschiedenster Blätter und Blättchen überschwemmt, steht der Konsument vor dem "Ausverkauf" linker, rechter und gemäßigter Redakteure, die alle, wenn auch aus verschiedenen Gründen, das gleiche wollen: eine Meinung verkaufen. Dazu kommt dann noch das Fernsehen mit seinem vielfältigen Angebot. Faust, der alles so fleißig studiert, der existentiell darum bemüht ist, die Wahrheit kennenzulernen und die Wirklichkeit zu erfassen, Faust, der Bücherwurm, kommt schließlich zu der Aussage: "Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!"

Hineingeworfen in eine Existenz, die uns die Erfahrung der Unsicherheit und Unwissenheit, ja der vollkommenen Machtlosigkeit aufdrängt, und gleichzeitig mit einem Verstand ausgerüstet, der alles erforschen und alles erkennen will, bleiben uns Verzweiflung und Wahnsinn. Wer hat noch einen Überblick über die Tatsachen? Wer leistet die Synthese all der Einzelheiten, gewinnt einen festen Standpunkt, eine begründete Einsicht? Wer enträtselt politische Hintergründe, wer findet noch durch den Wirrwarr literaturkritischer Meinungen? Und wer findet sich nicht eines Tages vor der Tatsache, daß seine sorgfältig erarbeitete Einsicht von der Entwicklung bereits überrollt wurde? So hat der Satz: "Ich weiß, daß ich nichts weiß!" nichts von seiner Schärfe verloren, und Jugendliche beschäftigen sich ernsthaft mit der Frage, ob alles relativ sei.

Denn trotz all dieser Faktoren, trotz der Massenmanipulation und Unübersehbarkeit, trotz einer Entwicklung, die sich, wie es scheint, verselbständigt und beginnen will, den Menschen zu versklaven, finden wir festgefügte Ansichten, Ideologien, Glaubenssätze, Lebensphilosophien. Nur – alle diese Vorstellungen werden durch ihren Pluralismus zu einer furchtbaren Schwierigkeit, ja Anlaß zu ernsten Konflikten. Sie mögen, jede für sich, zumindest einen Teilbereich der Wirklichkeit erfaßt haben; dennoch kann man sie nicht wie Mosaiksteinchen zusammenfügen, denn sie widersprechen sich. "Das Und zwischen den Dingen ist rebellisch geworden."

Wo ist die höhere Ebene, auf der diese Gegensätze ausgelöscht werden, wo ist die Ordnung, die alle diese Steinchen zu einer harmonischen Form zusammensetzt? Gibt es sie überhaupt, liegt sie im Bereich des Möglichen – oder ist eben alles relativ? So kann Verzweiflung Raum gewinnen angesichts der Tatsache, daß man nichts vereinen kann, daß unser Miteinander möglicherweise zu einem Hexenkessel wird auf Grund aufeinanderprallender Meinungen, daß man letztlich nichts wissen kann. Die Unverbindbarkeit in sich schlüssiger Thesen, das Wissen, daß man ganz allein auf sich gestellt leben und entscheiden muß, das Bewußtsein einer entsetzlichen Einsamkeit macht das Leben stumm.