Von Ruth Herrmann

Nach neun Monaten Untersuchungshaft trafen sie in Saal 388 des Hamburger Landgerichts vor der Jugendstrafkammer wieder zusammen: sechs junge Männer, neunzehn, zwanzig und einundzwanzig Jahre alt, die Ende August 1970 in einem Hamburger Vorortzug zwei Fahrgäste blutig geschlagen und einen von ihnen aus dem fahrenden Zug zu stoßen versucht hatten.

"Was hat Sie gereizt, Rocker zu werden?" will der Vorsitzende wissen. Er fragt jeden von den sechs an verschiedenen Prozeßtagen danach. Alle nennen als erstes die Lederkleidung.

"Und was sonst noch?"

"Die Kameradschaft."

Von dem, was außer Lederkleidung und Kameradschaft den Rocker ausmacht, sprechen sie nicht: das Terrorisieren von Nicht-Rockern.

Sie sitzen auf zwei Anklagebänken hintereinander. Leder trägt nur noch einer, und auch der hat nur noch die Jacke aus Leder an. Kameradschaft ist noch bei allen vorhanden. Keiner belastet den anderen. Und das, obwohl viel davon abhängt, wie der einzelne an dem beteiligt war, was sie zusammen angestellt haben. Das Urteil nach fünf Prozeßtagen zeigt es: Die Strafen liegen zwischen fünf Jahren Jugendstrafe und fünfzehn Monaten Freiheitsentzug.