Von Gregor Pickhardt

Im Jahre 2865 leben sechzig Billionen Menschen auf der Erde. Der Planet ist mit zehn Kilometer hohen Gebäuden bedeckt. Die übrigen Lebewesen sind ausgerottet. Die Menschen werden mit Minimal-Rationen synthetischer Nahrung am Leben erhalten.

Der englische Biologe Gordon Rattray Taylor räumt in seinem neuen Buch ein, daß man sich so etwas vorstellen kann. Aber er mag so nicht leben. Er hat eine Vorstellung vom "schönen Leben", und darin spielen die Natur und die Möglichkeit individueller Verhaltensweisen eine Rolle. Im gedachten Jahr 2865 ist beides ausgeschlossen.

Jedoch richtet sich Taylors Skepsis nicht nur gegen den Wert solcher Lebensformen, sondern auch gegen ihre Möglichkeit. Die utopischen Entwürfe für zukünftige Jahrhunderte stammen von den "Technokraten der Verdoppelung", die Taylor aufs Korn nimmt. Deren Antwort auf die Vervielfachung der Bevölkerung heißt: Vervielfachung der Anwendung technischer Hilfsmittel für Versorgung, Ernährung und Transport. Taylor offenbart den kurzsichtigen Charakter solcher "Milchmädchenrechnungen", die immer davon ausgehen, daß die anderen Faktoren konstant bleiben. Er hingegen behandelt alle Bedingungen als Variable und nimmt das Schlagwort Ökologie ernst: Er schreibt über die möglichen Beziehungen der einzelnen Faktoren.

Das Ergebnis seines Studiums dieser Beziehungen lautet: Das Anwachsen der Weltbevölkerung als vorrangig sichtbare Entwicklung hat eine Zunahme im Gebrauch technischer Mittel zur Folge. Die Rückwirkungen der Technik auf die Lebensbedingungen sind zerstörerisch. Es ist jedoch nicht absehbar, welche Form diese Wirkung annimmt. Noch wissen wir nicht, ob wir erfrieren oder verbrennen werden. Durch die zunehmende Verschmutzung der Atmosphäre dringt immer weniger wärmendes Sonnenlicht auf die Erdoberfläche. Andererseits kann der wachsende Energieüberschuß aus den Kraftwerken unsere Flüsse zum Sieden bringen. Noch wissen wir nicht, ob die Motorisierung den Sauerstoff knapp werden läßt oder ob wir einfach an Stress sterben, weil wir zu viele sind und uns zu dicht auf der Pelle hocken.

Wir wissen noch nicht, wie die Katastrophe in Erscheinung tritt. Daß aber die expansive Technisierung um jeden Preis den Kollaps des globalen Kreislaufs herbeiführen wird, ist sicher. Also müssen wir sparsamer mit der Technik umgehen. Weil aber mit reduziertem Gebrauch technischer Hilfsmittel die zunehmende Bevölkerung nicht überleben kann, muß diese Zunahme gedrosselt werden.

Die Gefahr der Zerstörung der gesamten Physik der Erde nennt Taylor "Superverschmutzung" – und diesem Phänomen gilt sein vorrangiges Interesse. Er setzt also auf der Ebene der globalen Zusammenhänge möglicher Selbstvernichtung des Menschen an. Und das ist der Vorzug seines Buches –