Und 100 000 Mark

Das Holz flog über die Bretterwand, Sie war einen Meter achtzig hoch. Der deutsche Schäferhund kletterte mit Eifer über das Hindernis. Dumpf schlug er am Boden auf. Nach, ein paar Minuten kratzte er wieder die Bretter hoch. Las Holz zwischen den Zähnen. Ein Samstagnichmittag auf dem Platz eines Schäferhundvereins in Hamburg läßt keinen Zweifel: Der deutsche Schäferhund ist "ein sportlicher Hund für sportliche Leute". Harras, oder wie immer er heißen mag, ist treu, gehorsam und gelehrig. Er ist wetterfest. Ein "Held vom Dienst". Blindenführhund, Katastrophenhund. Polizeihund. Mitunter ist er auch ganz schön gefährlich.

Nicht fachgerecht abgerichtet aber, behauptete ein englischer Züchter, sei. der deutsche Schäferhund gefährlich, wie ein geladenes, ungesichertes. Gewehr. Er sagte das, nachdem der Alsation (der Elsässer), wie er in England genannt wird, für alarmierende Schlagzeilen gesorgt hatte. So wurde ein vierjähriger Junge von zwei Schäferhunden, die ein eingezäuntes Fabrikgelände bewachten, angegriffen und derart zugerichtet, daß er zu einer Notoperation in ein Krankenhaus eingeliefert werden mußte! Zwei Tage darauf überfielen Schäferhunde zwei Kinder, die zusammen mit ihrem Vater spazierengingen. Danach haben Meldungen, daß Menschen vom "killerdog" gebissen worden seien, lawinenartig Zuge-, nommen.

Gewiß, es ist auch schon vorgekommen, daß ein Kleinkind erstickte, weil die Hauskatze auf seiner Brust schlief. Ein Kanarienvogel soll einmal einem Mann beim Füttern ein Auge ausgepickt haben. Goldhamster können beim Menschen Gehirnhautentzündung hervorrufen. Aber sonst gelten sie als harmlose Haustiere. Der deutsche Schäferhund hingegen ist es nicht.

Vor hundert Jahren hießen alle Hunde, die nicht zur Jagd gezüchtet wurden, "Fixköter"; auch der Schäferhund gehörte in den Augen der Jäger dazu. Er wurde von Schäfern seit Jahrhunderten zum Beschützen und Hüten der Schafherden aufgezogen, wobei sie unbewußt eine zweckentsprechende Zuchtwahl ausübten. Der Schäferhund tötete Raubtiere, indem er ihnen die Eingeweide herausriß. Er wies ausbrechende Schafe durch Beißen in die Rippen und an den Hals zurecht. Er brachte es so weit, daß er die Schafe allein bewachte und sie selbständig nach Hause trieb. Doch es kam auch vor, daß der sonst so sorgsame Hund über die Schafe herfiel und ein wahres Blutbad anrichtete. Man schrieb es der Langeweile zu.

Liebhaberzüchter entdeckten den Schäferhund erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts: als "Luxushund". Doch als Rittmeister Max von Stephanitz 1899 bei der Gründung des "Vereins für deutsche Schäferhunde" (SV) die Rassezeichen festsetzte, sah er nicht Luxus, sondern Nutzen. Zwei Jahre später unterschrieb er als Vorsitzender ein Rundschreiben an alle Polizeiverwaltungen; er empfahl, den deutschen Schäferhund in den öffentlichen Dienst zu stellen. Geeignete Hunde sowie eine "Anweisung zum Abrichten und Anwenden" wurden angeboten. Der deutsche Schäferhund kam nicht nur in den "Dienst der Öffentlichkeit"; er wurde vor allem privat als Wachhund eingestellt. Bewacht werden: Menschen. Seine Feinde: auch Menschen. Der Schäferhund wurde zu einer Waffe von besonderer Art. Mit Selbstauslöser.

Der Verein für deutsche Schäferhunde hat heute über fünfzigtausend Mitglieder. An ihren Gartentoren hängen Warnschilder. Mit Schäferhundprofil: "Ich wache hier." Betreten auf eigene Gefahr. In 1448 Ortsgruppen werden Schäferhunde in Deutschland als Schutzhunde ausgebildet. Auf absoluten Gehorsam gedrillt. In Angriffstaktik geschult.