Unter allen Steuer-"Reform"-Maßnahmen, welche jetzt. zur Diskussion gestellt werden (denn bis 1974 ist noch lange Zeit), wird den größten Publikumserfolg die Abschaffung der steuerlichen Abzugsfähigkeit der "Bewirtung von Geschäftsfreunden" zu verzeichnen haben. Endlich dürfen Millionäre nicht mehr auf Kosten des Steuerzahlers frühstücken! Soziale Gerechtigkeit triumphiert. Endlich werden die Luxuslokale auch für die Armen freigegeben!

Solche unsinnigen Emotionen scheinen mir korrekturbedürftig gerade deswegen, weil es meine eigenen Emotionen sind. Und sobald man anfängt, nüchtern zu denken, findet man Einwände: Durch die Abschaffung der Bewirtungsspesen gewinnt der Fiskus erstens keinen Pfennig mehr zur Unterstützung der Armen oder zur Finanzierung von Schulen. Denn natürlich werden Bewirtungen dann nicht mehr so großzügig weiterlaufen und, statt nur zur Hälfte (etwa die Hälfte muß der Gastgeber auch jetzt schon selber bezahlen), voll versteuert werden. Die Hälfte der Bewirtungen wird dann ausfallen. Eher mehr: Denn es war ein Anreiz zur Gastfreundschaft, daß sich der Gastgeber die Bewirtungsspesen halbiert vorstellen durfte.

Es wird zweitens einige Leidtragende geben. Das sind zunächst die "Geschäftsfreunde", die jetzt mit bescheidenen Mahlzeiten fürliebnehmen müssen. Sie werden leicht tragen an ihrem Leid; denn nur derjenige, der nicht geladen ist, stellt sich Business lunch als Lustgewinn vor. Es wird eine Minorität von wirklich Leidtragenden geben: die Besitzer wie die Köche und Kellner der besten deutschen Lokale. Das läßt sich nicht nur denken, es läßt sich auch an einem Präzedenzfall demonstrieren: Tokios besten Restaurants droht Bankrott, seit die zunächst sehr großzügigen Bewirtungsspesen japanischer Unternehmer drastisch gekürzt wurden.

Nüchternes Fazit: Der Beitrag zur "sozialen Gerechtigkeit", den die Streichung der Bewirtungsspesen ganz gewiß leisten kann, wird praktisch das Steueraufkommen um keinen Pfennig erhöhen, aber er wird die fünfzig Restaurants von internationalem Renommee, die es in Deutschland noch gibt, zwingen, billig aus der Tiefkühltruhe zu kochen – oder bankrott zu machen. Wollen wir das wirklich? Leo