Die Rechnungshöfe werden ungeduldig. Bereits im März vorigen Jahres hatten sie das finanzielle Gebaren der Olympia-Baugesellschaft (OBG) unter die Lupe genommen. Auf 101 Schreibmaschinenseiten hatten der Bundesrechnungshof, der Oberste Bayerische Rechnungshof und das Revisionsamt der Stadt München Kritik geübt. Vor allem einige Architekten- und Ingenieurverträge hatten sie nach Überprüfung der vereinbarten Honorare und der Organisations- und Vergabe-Praktiken beanstandet. Das mittlerweile weltberühmte Überdachungs-Experiment der olympischen Sportstätten wurde von ihnen ebenso auf Heller und Pfennig nachgerechnet wie einige größere und kleinere Dienstreisen der Olympia-Bauherren. Die "Prüfungsmitteilungen" gingen den zuständigen Ministerien zu.

Aber niemand reagierte. Dem Präsidenten des Obersten Bayerischen Rechnungshofes, Gotthard Brunner, wurde es schließlich zu dumm. Fast ein Jahr nachdem der Prüfungsbericht verschickt worden war, erkundigte er sich vor dem Senat des Freistaates Bayern energisch, weshalb sich noch niemand zur amtlichen Kritik geäußert habe.

Erst nach dieser präsidialen Mahnung bequemte sich das Bayerische Finanzministerium zur Übersendung einer vorläufigen Kalkulation. Das – gleichfalls zuständige – Bundesministerium schweigt bis heute.

So ist zwar durchaus richtig, wenn Hubert Schmidt, Ministerialdirigent und Leiter der Haushaltsabteilung des Bayerischen Finanzministeriums, verkündet: "Die Rechnungshöfe prüfen heute schon." Richtig ist aber auch, daß die Prüfungsberichte erst lange nach Beendigung der Olympischen Spiele – frühestens im Herbst 1972 – veröffentlicht werden.

Die Gründe dafür sind eher politischer als wirtschaftlicher Natur. Dem berechtigten Interesse der Öffentlichkeit daran, ob die Olympia-Millionen sinnvoll "verbaut" werden, steht das Bestreben der Olympia-Veranstalter entgegen, in- und ausländische Kritiker der Münchner Spiele nicht mit zusätzlicher Munition zu versorgen.

Solche Rücksichten wurden auch anderswo genommen. Die japanischen Rechnungshöfe äußerten sich erst lange nach dem Ende der Tokio-Spiele. Und selbst der – sonst sehr pünktliche – französische Rechnungshof meldete sich erst Monate nach Beendigung der Winterspiele in Grenoble. Das war auch besser, denn das Ergebnis der Prüfungen und die tatsächlichen Kosten der nationalen Prestige-Schau waren für die Franzosen ein Schock.

Immerhin führte in München die Angst vor den Rechnungshöfen des Bundes, der Länder. Bayern und Schleswig-Holstein sowie der Stadt München zu umfangreichen Vorsichtsmaßnahmen: Die Olympia-Baugesellschaft (OBG) beschäftigt nicht nur eine Revisionsabteilung im eigenen Haus, sie läßt auch alle finanziellen Vorgänge zusätzlich von zwei Wirtschaftsprüfungsunternehmen – der Wibera und der Treuarbeit in Düsseldorf – begutachten. Doch angesichts der olympischen Gesamtkosten von nahezu zwei Milliarden Mark und des ständig wachsenden Termindrucks, der zu immer schnellerem Handeln und Entscheiden zwingt, garantieren auch diese Sicherheitsmaßnahmen nicht, daß die Rechnungshöfe später mit der Ausgabenwirtschaft der OBG voll einverstanden sind.