Von Joachim Nawrocki

"Seht, Genossen, diesen Weltveränderer: Die Welt, er hat sie verändert, nicht aber sich selbst. Seine Werke, sie sind am Ziel, er aber ist am Ende."

Wolf Biermann

Berlin, im Juni

Der Nachfolger ist kein Weltveränderer. Er folgt nicht, wie Biermann in seinem "Porträt eines alten Mannes" schreibt, den von ihm selbst ausgetretenen Spuren im Glauben, er gehe den Weg der Massen. Anders als Ulbricht sucht Erich Honecker die Gemeinschaft des Kollektivs – zumindest vorerst. Und anders als Ulbricht braucht er die Zustimmung des Parteivolkes – auch vorerst. Deshalb blüht er auf, wenn ihm zweitausend Parteitags-Delegierte zujubeln wie bei einer kleinbürgerlichen Hochzeit: "Hoch soll er leben, dreimal hoch!" Wenn ein farbiger Gast außerhalb des Protokolls laut "Hurray" ruft, dann bringt es Honecker fertig, zurückzujubeln: "Hurray." Und als beim Einzug der Jungen Pioniere die kleine Elke Seidel aus Karl-Marx-Stadt vom Rednerpodium ruft: "Meine Mutti ist auch hier", dann zeigt der Parteichef ungeniert mit dem Finger in die Menge, dorthin, wo Mutter Seidel, Mechanikerin im Buchungsmaschinenwerk sitzt.

So wirbt der neue Mann um Sympathie, mit lockeren Gesten und mit der protokollarischen Eindordung in das Führungskollektiv der Partei. Und so drängt er, beiläufig fast, auch seinen Mentor Walter Ulbricht in die Reihen des Kollektivs, in dem er, Honecker, immerhin primus inter pares ist. Als der Parteitag sich endlich am vierten Tag zu einem Brief an den ferngebliebenen Genossen aufraffte, stand dort voller Hintersinn: "Wir wünschen Dir baldige Genesung, damit Du im Kollektiv der Parteiführung und als Vorsitzender des Staatsrats mit ganzer Schaffenskraft an der Verwirklichung dieser Beschlüsse mitwirken kannst." Das war das offizielle Ende der Ära Ulbricht: Nur noch seine Mitwirkung im Kollektiv ist erwünscht.

Es ist schon nicht mehr Spekulation, wenn der Sturz Walter Ulbrichts konstatiert wird. Er ist nicht freiwillig in den Hintergrund getreten, und er läßt es sich anmerken. Wer soll denn glauben, daß die Partei, die die ganze Gesellschaft besser organisieren will, nicht einmal ihren eigenen Parteitag richtig organisieren kann? Es muß schon ernsthaftere Gründe haben, wenn der Beginn des Parteitages unversehens vom Montag auf den Dienstag verschoben wird und wenn am Dienstag morgen "Radio DDR" noch meldet, Ulbricht halte selber seine Eröffnungsansprache, während Hermann Axen sie bereits verliest. Immer zahlreicher werden die Hinweise, daß Ulbricht zwar nicht direkt der Deutschlandpolitik der Sowjetunion im Wege stand, aber sie doch in einem entscheidenden Punkt, in Berlin, behinderte.