Von Peter Bendix

Der Berg der Berge, Mongibello, wie ihn das Volk in Sizilien nennt, hat unter dem Beifall von Touristen fast das gesamte Anbaugebiet der Bauern von Formazzo und Sant’ Alfio vernichtet. Das übrige haben Zehntausende Neugieriger aus aller Welt zertrampelt. Touristen wollen sich im Urlaub amüsieren, und nicht jedes Jahr, schon gar nicht überall, gibt es etwas so Schönes und Interessantes zu sehen wie einen Vulkanausbruch.

Als sich die schwarzgraue Lavawand flammenleckend und qualmend auf die Brücke von Formazzo schob und sie knallend sprengte, applaudierten die Zuschauer ganz impulsiv. Und mehrere zeigten ihr aufgeklärtes Verhältnis zur Natur durch praktische Lässigkeit: Auf der langsam erkaltenden Lava brieten sie sich Würstchen.

In der Neuzeit sind durch Vulkanausbrüche mehr als zweihunderttausend Menschen umgekommen, darunter natürlich auch viele Neugierige. Der bislang jüngste Fall solcher Art wird vom Stromboli berichtet. Die "Tätigkeit" dieses Inselberges nördlich Siziliens wird von den Vulkanologen als "sanfte Form" bezeichnet: Er stößt nur Dampf und Aschenwolken, aus zerplatzenden Gasblasen seiner Lava auch Gesteinsbrocken aus. Bei einem solchen Ausbruch, der – wie nicht unüblich – recht plötzlich kam, erlitt am 21. August 1969 ein dreißigjähriger Ferienreisender aus Paris tödliche Verbrennungen. Er hatte sich dem Kraterrand zu weit genähert.

Zu den unerschrockenen Touristen gehörte bekanntlich auch der 38jährige Goethe. Er bestieg von Neapel aus den Vesuv, der sich in jenem Jahre 1787 mitten in einem schon Monate währenden Hauptausbruch seiner (wie Vulkanologen heute datieren) "fünften Tätigkeitsperiode" befand. Dreimal erkletterte der Dichter den rauschenden Feuerberg, das drittemal eben deshalb, weil der Vesuv gerade Lava spie. Nachher notierte Goethe:

"Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward immer glühender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegangene Führer kehrte bald um, ergriff mich, und wir entwanden uns diesem Höllenbrudel."

Die schwersten Katastrophen werden durch Vulkane verursacht, die vor dem neuen Ausbruch Jahrzehnte geruht haben. Die Bevölkerung ist dann unerfahren und auf nichts Schlimmes gefaßt, wie Touristen. Ehe der Vesuv im Jahre 79 nach Christus die kleinen Landstädte Pompeji, Herculaneum und Stabiae vernichtete, galt er als längst erloschen. In den riesigen. Pinienwäldern an seinen Hängen jagte man Wildschweine. Am Fuße des Berges wuchsen berühmte Weine.