Gerd Schmückle: "Kommiß a. D. Kritische Gänge durch die Kasernen"; Seewald Verlag, Stuttgart 1971; 246 S., 19,80 DM

Kritische Gänge durch die Kasernen" hat Gerd Schmückle – heute Generalmajor bei der Nato – als stellvertretender Divisionskommandeur unternommen. Niemand wird ihm bestreiten können, daß er dies mit Engagement und offenen Augen getan hat. Die Folgerungen, die er aus seinen Beobachtungen zieht, werden wohl von manchen der "letzten Preußen" als Aufforderung verstanden werden, sich aus einem Kampf, der durch die Zeitläufe längst entschieden ist, endlich zurückzuziehen. Ein polemisches Buch also (im guten Sinn des Wortes), eine mit scharfer Klinge geführte geistige Auseinandersetzung mit den "Kommißköpfen" in und außer Dienst, wenngleich Schmückles Analysen und Vorschläge weit über die Polemik hinausgehen.

Plastisch kennzeichnet Schmückle die beiden Denkschulen in der Auseinandersetzung um das Leitbild für den Soldaten der Bundeswehr: Die eine Denkschule leitet die militärische Aufgabe allein vom Kriegführen, das Berufsbild des Soldaten vom Töten ab, Staat und Gesellschaft, Gruppen und Verbände beurteilt sie zuerst unter dem Aspekt der militärischen Effizienz im Kriege. Die andere orientiert sich zuerst an dem Ziel, den Krieg durch Abschreckung zu verhindern; sie bezieht die soldatischen Motivationen nicht auf das Töten, sondern auf den Schutz der Bevölkerung durch Friedenssicherung.

Nie, meint der General, hätte der Entwurf dieses Leitbildes den in der Bundeswehr konkurrierenden reformerischen und restaurativen Gruppen allein überlassen werden dürfen; eine kritische Öffentlichkeit sei unverzichtbar. Der Autor läßt keine Zweifel daran, welcher Gruppe er angehört; er bedauert, daß die Reformer lange Zeit Rücken- und Gegenwind zugleich erhielten.

Schmückle definiert "Innere Führung" vom Ziel her, "den Soldaten in Einklang zu halten mit dem Auftrag der Bundeswehr und mit den gesellschaftlichen Notwendigkeiten unserer Zeit", eine Aufgabe, die sich immer wieder stellt. Sie setzt zunächst angemessene Ausbildung und Information voraus. Der Autor, ehemals Pressesprecher im Bundesverteidigungsministerium, beklagt zurecht, daß die Informationsströme von der Führung zur Truppe versickern. Viele Soldaten haben ein gestörtes Verhältnis zu den Massenmedien: Das Gefühl, dauernd angegriffen zu werden, kann zur Selbstlähmung durch Autosuggestion führen und in Selbstmitleid enden.

Auch den Informationsfluß von unten nach oben hält Schmückle für ungenügend. In der Tat bleibt viel Sachverstand ungenutzt. Der General schlägt deshalb vor, im Ministerium eine Zentralstelle einzurichten, bei der jeder Soldat, außerhalb des Dienstweges, Verbesserungsvorschläge einreichen kann.

An manchen Stellen des Buches wird erkennbar, daß sich Schmückle viel von der Bildungsreform in der Bundeswehr verspricht. Gängigen Vorbehalten hält er entgegen, es gehe nicht darum, der Truppe Schüler zu entziehen, sondern vielmehr darum, ihr Lehrer zuzuführen. Er hält nichts von der militärischen "Dinosaurieridee", die Stellen der unteren und mittleren Führung nur mit "handfesten, unstrukturierten Persönlichkeiten" zu besetzen. Mobilität, Anpassungsfähigkeit und Bereitschaft zur Kriegsbewältigung erklärt er zu generellen militärischen Erziehungszielen.