Die Verkaufskontore der Stahlindustrie werden durch "Rationalisierungsgruppen" abgelöst. Bringen sie mehr oder weniger Wettbewerb?

Schon ehe Herbert W. Köhler, Vorstandsmitglied der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl, zu den abschließenden Besprechungen über die Genehmigung der Rationalisierungsgruppen der deutschen Stahlindustrie durch die Hohe Kommission nach Brüssel aufbrach, frohlockte er: "Die Kuh ist vom Eis."

Den Stahlbossen ist es gelungen, das Mißtrauen der Brüsseler Wettbewerbshüter gegen die Rationalisierungsgruppen zu überwinden, das auch hierzulande von manchem geteilt wird. Sie sollen die vor fünf Jahren ins Leben gerufenen vier Verkaufskontore der deutschen Stahlunternehmen ablösen. Mit ihrer Hilfe sollen Fehl- und Doppelinvestitionen vermieden, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Stahlindustrie gestärkt und Zusammenschlüsse zu leistungsfähigen Großunternehmen erleichtert werden.

Natürlich lag die Vermutung nahe, die Konzernherren hätten eine Lösung ausgeknobelt, die den Wettbewerb ausschalten und den Stahlmarkt der Kontrolle einiger Großunternehmen unterwerfen und unliebsame Außenseiter ausschalten sollte. Dieser Verdacht wurde noch dadurch verstärkt, daß einer der großen Außenseiter, die Flick’sche Maxhütte, sich an dem neuen Konzept beteiligt.

Die Stahlindustrie weist derartige Verdächtigungen selbstverständlich weit von sich. Ihre Version: Während bei den nur noch bis zum 30. Juni bestehenden Verkaufskontoren die einzelnen Mitglieder Lieferquoten zugeteilt erhielten, werden sie bei eigenem Verkauf vom 1. Juli an Produktionsquoten haben. Sie sind unter bestimmten Bedingungen austausche und handelbar. Nicht weniger, sondern mehr Wettbewerb sei die Folge. Im übrigen stehe nicht die Frage des Wettbewerbs, sondern der Rationalisierung und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund.

Die Stahlbosse können für ihre Version einen unverdächtigen Zeugen ins Feld führen, den sozialdemokratischen Wirtschaftsminister. Auf der letzten Jahrestagung der Wirtschaftsvereinigung erklärte Karl Schiller: "Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt und die wachsenden Märkte verlangen nach Betriebs- und Unternehmensgrößen. wie sie in der Bundesrepublik bisher nur zum Teil erreicht wurden."

Kritiker mutmaßten, Schiller versuche hier nur einen billigen Kuhhandel. Da er dem Stahl permanente Preiserhöhungen für die Ruhrkohle zumute, gewähre er einen Ausgleich über einen Zusammenschluß zu Rationalisierungsgruppen, die eigentlich nicht so recht zu dem verbesserten Wettbewerbsrecht passen würden.