Nehmen wir an, es gäbe Günter Grass gar nicht. Gehen wir einen Augenblick davon aus, er hätte jene Glosse gar nicht geschrieben. Wie stünde es dann um Herrn Kipphardt? Schlecht – jedenfalls schlechter, als es jetzt steht. Denn Kipphardt – nicht die Stadt München – hatte schon Ende Januar seinen Vertrag zum Ende dieser Spielzeit gekündigt, allerdings nicht, um das Theater zu verlassen, sondern um bessere finanzielle Bedingungen für sich auszuhandeln. Das war sein gutes Recht. Aber mit diesem Versuch ist immer das Risiko verbunden, sich selbst vor die Türe zu setzen, wenn die andere Seite die Mehrforderung ablehnt. Arbeitsrechtlich ist das ein klarer Fall. Kipphardt mag daher diesen Brief seither oft verwünscht haben. Denn er wußte, wie wenig das Münchner Rathaus seinen Spielplan schätzte, mußte später wissen, welche Empörung, zu Recht, seine Prominentendrachen im Programmheft dort auslösen würden. Die einzige Chance Heinar Kipphardts, wenn überhaupt, bestand darin, sein Selbsttor in einen politischen Skandal zu verwandeln. Die Situation war an sich günstig, es fehlte nur der Auslöser.

Grass lieferte ihn, und damit Kipphardts Freunden die Gelegenheit, für die sie Grass dankbar sein sollten, die ganze Sache der Öffentlichkeit neu zu unterbreiten. Hatte Grass, muß man sich fragen, den Zeitpunkt seiner Attacke klug gewählt? Er hätte vielleicht warten sollen, bis der Münchner Stadtrat, dessen Entscheidung, soweit ich sehe, längst feststand, Kipphardts Angebot dankend abgelehnt hatte. Hätte er wirklich warten sollen? Wäre eine Attacke nach Kipphardts Abgang nicht als Schmähung eines Stellungssuchenden übelgenommen worden? Auf sich beruhen lassen durfte man Kipphardts Abschußliste jedenfalls nicht. Irgend jemand mußte sich mit den politischen Methoden Kipphardts und seiner Kollegen auseinandersetzen, ehe sie weiter Schule machen, mußte klar die Grenze ziehen zwischen Meinungsfreiheit und Gewaltkult. Grass mögen dabei einige seiner Formulierungen zu scharf geraten sein. Aber sein Artikel ist, im Ganzen genommen, ruhig im Ton und richtig in den Proportionen: Es gibt nicht nur Hetze und Haß auf der politischen Rechten, sondern neuerdings leider Gottes auch auf der Linken. Rechts wie links werden Gegner zu Feinden verteufelt, wird Mord – verbal, verklausuliert – als Ausweg, als Rettung plausibel gemacht. Die Polemik von Grass gegen Kipphardt war auch nicht etwa durch die Entfernung der Abschußliste aus dem Programmheft überflüssig geworden. Denn schließlich hatte Kipphardt auf den leeren Seiten wissen lassen – wie jeder dort nachlesen kann –, leider, lediglich aus rechtlichen Gründen, müsse ihr Abdruck unterbleiben.

Warum aber, muß man sich verwundert fragen, wendet sich seitdem weite Empörung gegen Grass? Er hat mit seiner Attacke nicht nur Kipphardt, er hat eine weit verbreitete Neigung der neuen Linken getroffen: eine modische Verherrlichung der Gewalt. Der leichtfertige Gebrauch der Sprache des Unmenschen ist dabei ebenso charakteristisch wie die gespielte Naivität, sobald jemand die blutrünstigen Formeln ernst nimmt und kritisiert: Es sei doch offenkundig, • Fortsetzung auf Seite 12 • Fortsetzung von Seite 11 daß das nicht wörtlich gemeint sei. Man mißt mit zweierlei Maß; je nach Bedarf wird die Wirkung des Wortes gebrandmarkt oder geleugnet. Es gab einen Zusammenhang zwischen der Springer-Presse und dem Mordanschlag auf Dutschke, aber auch nach Baaders gewaltsamer Befreiung sieht man keinen Anlaß, die eigenen Parolen in Frage zu stellen. Genauso hier: Kipphardt – schreibt Martin Walser – "hat nichts, nichts, nichts getan", Grass dagegen hat durch plumpe Unterstellung Kipphardt denunziert und damit seine Entlassung erreicht, können wir bei Hellmuth Karasek lesen. Tatsachen, die dieser Version widersprechen, werden einfach weggelassen. Ebenso spart man sich die Mühe, die Argumente von Grass zu widerlegen (womit man sie unfreiwillig anerkennt); es genügt, um zu diffamieren, zu disqualifizieren. Jedes Mittel ist recht. Da darf die Schaubühne am Halleschen Ufer ihre Vorstellung unterbrechen, um von der Bühne herab dem als Besucher anwesenden, also wehrlosen Grass ihre "Verachtung" zu bezeugen, weil er "in der Manier eines bezahlten Mietlings der Münchner SPD-Spitze einen Schriftstellerkollegen in übelster Weise verleumdet" habe, ohne daß alle Grass-Gegner sich einmütig solche Schützenhilfe verbitten, solche Praktiken verurteilen. Wie stünde es eigentlich um die Verantwortung der Schauspieler, wenn einige aus dem Publikum daraufhin Grass vor die Tür gesetzt hätten? Wie, wenn eine aufgebrachte Menschenmenge den Ausgesonderten zusammengeschlagen hätte?

Wer diese Fragen bagatellisiert, hat insgeheim Gewaltanwendung gebilligt. Niemand kann halblaut Terror als unvermeidlich verherrlichen (in der Hoffnung, daß andere ihm das schmutzige Handwerk abnehmen), ohne für die Konsequenzen einzustehen, wenn tatsächlich seine Worte Gehör und Gefolgschaft gefunden haben. Aber nicht nur bei den Methoden, auch für die Ziele des politischen Kampfes gibt es in unserer Demokratie klare Grenzen. Wer mit Hellmuth Karasek darüber nachdenkt, "ob unsere personifizierten Institutionen (?) bewahrenswert oder abbauungsbedürftig sind", "ob uns Reformen oder (!) Revolutionen nottun", weiß selbst ganz genau, daß er sich jenseits der Linie anzusiedeln beginnt. Das mag er tun. Aber er sollte dafür nicht das Lob der Demokraten in unserem Lande erwarten. Er darf sich nicht wundern, wenn wir uns zur Wehr setzen. Viele dieser neuen Linken wollen das bestehende Gesellschafts- und Regierungssystem mit amtlicher Billigung und öffentlicher Besoldung bekämpfen und vernichten. Das kommt mir schon lange kindlich vor.

Sind das nicht viel zu große Worte? Wird hier nicht gewaltig übertrieben? Geht es bei dem Streit um Kipphardt, um Grass nicht um eine der vielen Literatenfehden, die lediglich zur Folge haben, daß sich einige Leute verfeinden und jahrelang aus dem Wege gehen, aber für eine größere Öffentlichkeit völlig ohne Bedeutung sind? War der Streit um Grass nicht für kleinliche Geister und zu kurz gekommene Schriftsteller wie Günter Herburger eine blind ergriffene Gelegenheit, den erfolgreichen, weltberühmten Kollegen am Barte zu zausen, den eigenen Neid peinlich offen zur Schau zu stellen? Gewiß, das war es auch. Aber wichtiger scheint mir, daß die neuerdings weitverbreitete Abneigung gegen Grass unter Schriftstellern, unter Linksintellektuellen mir symptomatisch scheint für einen politischen Klimawechsel in der Bundesrepublik.

Günter Grass ist lange – was heute häufig vergessen wird – ein unpolitischer Schriftsteller gewesen. Noch wenn man den Rowohlt-Band durchblättert, mit dem Schriftsteller der Gruppe 47 1961 für die FDP warben, wird man vergeblich nach seinem Namen suchen. Aber anders als diese Kollegen, die immer nur ab und an, durch gelegentliche Artikel und Manifeste der damaligen Opposition zu Hilfe gekommen waren, hat sich Grass im Laufe der sechziger Jahre mit einer bisher in Deutschland beispiellosen Intensität direkt und dauerhaft für die SPD engagiert. Zunächst allein, auf eigene Faust, mit dem "Loblied auf Willy" im Wahlkampf 1965, später gemeinsam mit anderen, mit Schriftstellern, Professoren, Schauspielern, Journalisten, mit Ärzten, Lehrern, Architekten, seit 1967/68 im Rahmen der von ihm gegründeten und dominierten "Sozialdemokratischen Wählerinitiative", hat er aus freien Stücken – schließlich könnte Grass an der Riviera in Ruhe seine Tantiemen verzehren – den Deutschen verantwortlichen demokratischen Bürgersinn vorgelebt. Er hat dadurch vielerorts Wähler ermutigt, sich zusammenzuschließen und Einfluß auszuüben, hat – mit einem Wort – ein Beispiel gegeben, das weiterwirkte. Zwar haben nur ganz wenige Schriftsteller, etwa Siegfried Lenz, aktiv immer wieder an diesem Unternehmen mitgearbeitet. Aber man war doch bisher weithin bereit – wenn auch nicht ohne Schwankungen, von Anfang an nie ohne Ausnahmen – die Grass’sche Initiative gutzuheißen. Es wäre bisher undenkbar gewesen, Grass massiv öffentlich aus den eigenen Reihen anzugreifen. Unter deutschen Linksintellektuellen, Linksliberalen – sagen wir: unter den Lesern der ZEIT – neigte man in den letzten Jahren dazu, für die SPD, für die Wählerinitiative zu sein. Man war bereit, mehr oder weniger laut für sie zu werben. Das wird jetzt anders. In einem Augenblick, in dem sich diese Initiativgruppen zu verfestigen schienen, Wurzeln zu schlagen begannen, kommt es in den meinungsbildenden Gruppen des Landes aus der Mode, für die SPD zu sein. Das ist mit der Kipphardt–Grass-Kontroverse plötzlich offenkundig geworden, und hierin sehe ich ihre eigentliche, ihre politisch symptomatische Bedeutung.

Es gibt unter den Schriftstellern wieder einen untergründigen Trend zur Innerlichkeit, Zum Konservativen, zur reinen Literatur. Ein Schriftsteller, hört man wieder, dürfe sich mit der Politik nicht einlassen – als ob das Engagement eines Schriftstellers etwas anderes sei als das eines Kaufmanns, Rechtsanwalts oder Lehrers, als ob seine innere Unabhängigkeit durch die Politik stärker gefährdet würde als die anderer Berufe.