Von Hans Krieger

In der Schule wird zensiert. Schüler werden geprüft, erhalten Noten, gute oder schlechte. Wer gute Noten erwirbt, darf aufsteigen: zu höherer Bildung und zu gehobenen gesellschaftlichen Positionen. Wer schlechte Noten erhält, fällt durch in die unteren Ränge der Hierarchie von Schule und Gesellschaft. Dies geschieht schon so lange mit solcher Selbstverständlichkeit, daß wir uns die Frage abgewöhnt haben, warum das so ist und ob es so sein muß. Können wir uns Schule ohne Zensuren überhaupt vorstellen?

Prüfungen und Noten müssen sein, so heißt es. Lehrer, Eltern, Schüler, so sagt man, müssen wissen, ob die Schülerleistung den Anforderungen der Schule gerecht wird. Wer prüft, ob die Schule dem Anspruch des Schülers gerecht wird?

Prüfungen und Zensuren müssen sein, so heißt es, damit die gesellschaftlichen Funktionen gerecht nach Leistung verteilt werden. Gibt es nichts Besseres zu lernen als das Karrieremachen?

Schließlich heißt es noch: Zensuren sind ein heilsamer Druck, ohne den kein Schüler etwas Ordentliches leisten würde; er braucht ihn, um nicht in Trägheit zu versinken. Wo die Lust am Lernen fehlt, braucht man Zwang. Das gesunde Kind ist voll von Wissenshunger und spontaner Lernfreude. Liegt es am Schüler, wenn in unseren Schulstuben von dieser spontanen Lernfreude so Wenig zu spüren ist? Ist es nicht eher der Zwang, der die Lust verscheucht und damit, nach dem bewährten Schema der self-fulfilling prophecy, sich, scheinbar, selber legitimiert?

In der "Zukunft einer Illusion" spricht Freud von dem "betrüblichen Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen". Ich werde den Verdacht nicht los, daß diese Denkschwäche das Produkt von Schulen ist, die dem Kind früh und gründlich beibringen, Lernen sei eine lästige Pflicht, nicht lustbetonte Entfaltung spontaner Erkenntnisinteressen, sondern gehorsame Unterwerfung unter das, was in Lehrplänen und Prüfungsnormen von oben verhängt wird. So geschieht Entfremdung. Die Zensur ist das Instrument und Symbol dieser Entfremdung.

Kann man die Schule mit einem Krankenhaus vergleichen? Karlheinz Ingenkamp tut es in einem Band, in dem er die wichtigsten in- und ausländischen kritischen Untersuchungen über Wert und Verläßlichkeit schulischer Zensuren zusammengetragen und kommentiert hat –