Von Rolf Diekhof

VW-Chef Kurt Lotz hat sich aus seiner Zeit als Major im Generalstab eine alte preußische Faustregel bewahrt: In verzweifelten Situationen angreifen! Der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Unternehmens .entschied sich für einen Angriff, der ein Novum in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte darstellt – er wollte dem VW-Aufsichtsrat die "Vertrauensfrage" stellen. Diese Frage ist im Aktienrecht nicht vorgesehen, und sie wurde bislang auch noch keinem Aufsichtsrat gestellt. Klar aber ist, daß es auf diese Frage nur zwei eindeutige Antworten gibt: Entweder eine förmliche Vertrauensbestätigung oder die Demission des Vorstandschefs.

Die Attacke wurde durch gezielte Informationen aus Wolfsburg vorbereitet. Als entscheidender Termin war der Freitag der vergangenen Woche anvisiert. An diesem Tag trafen sich die Mitglieder des Präsidiums des VW-Aufsichtsrates – Josef Rust, Vorstandschef von Wintershall, Niedersachsens Wirtschaftsminister Helmut Greulich (SPD), IG-Metall-Chef Otto Brenner und Schillers Staatssekretär Hans Hermsdorf (SPD) – mit dem VW-Vorstand einer Sitzung in der Käfer-Metropole.

Wie zu erwarten, wurde der Mut des Angreifers nicht belohnt. Die Lotz-Attacke fiel aus, die kritische Frage, wurde offiziell gar nicht gestellt, und zum Abschluß gab es eine Erklärung, die das Ansehen beider Parteien retten soll: "Es bestand keine Veranlassung über eine angebliche Vertrauenskrise zu sprechen, da das Vertrauen nicht in Frage gestellt war." So ist das: Wo keine Fragen gestellt, werden, sind Antworten überflüssig.

Aufsichtsratsmitglieder aus dem Arbeitnehmerlager hatten dieses Ergebnis vorausgesagt. Denn der Aufsichtsrat hat kein Interesse daran, aus "einem sachlichen Streit nun plötzlich eine Vertrauenskrise zu machen", so eines seiner Mitglieder. Andererseits aber hat man ein vitales Interesse daran, VW-Chef Kurt Lotz daran zu hindern, zum Märtyrer im Kampf gegen die Mitbestimmung zu werden – eine Interpretation, die sich in der gegenwärtigen Situation bei einem Ausscheiden von Lotz anböte.

Nach wie vor ist der Streit um einen neuen Personalvorstand für das Volkswagen werk der gewichtigste Punkt in der Auseinandersetzung. Seit dem Ausscheiden des unter Lotz entmachteten VW-Vorstandes Frank Novotny ist in Wolfsburg ein Sessel frei. Schon seit dem Herbst vorigen Jahres – Novotny schied Ende Dezember 1970 aus – kämpfen VW-Betriebsräte und die sechs Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat um "ihren. Personalvorstand". Ihr Kandidat ist der Jurist und Sozialdezernent der StadtHannover Peter Frerk.