Von Stanley Kauffmann

Als erstes aus New York ein paar deutsche Nachrichten, oder auch österreichische. Sie betreffen Peter Handke und seine Theaterstücke, die nun auch hier aufgeführt werden – weit ab vom Broadway zwar, aber sie machen allmählich Eindruck.

Herbert Berghof hatte in der vorigen Theatersaison den "Kaspar" in seiner Theaterwerkstatt in New York inszeniert; im Frühjahr brachte er drei kurze Handke-Stücke auf die Bühne. Einen Monat vorher hatte das Chelsea Theater Center die Stücke "Selbstbezichtigung" und "Das Mündel will Vormund sein" (englischer Titel: "My Foot My Tutor") in der Inszenierung des deutschen Regisseurs Wieland Schulz-Keil herausgebracht.

Wichtig daran ist, daß Handke nunmehr anerkannt wird. Einige der besten amerikanischen Kritiker werden sich endlich der Qualität seiner Werke in den Grenzbereichen von Sprache und Schweigen bewußt.

Unter den amerikanischen Theaterstücken ist "Lenny" der jüngste Broadway-Schlager und in der Tat die beste Broadway-Aufführung seit langem. Das Stück basiert, sehr lose, auf der Lebensgeschichte des Nightclub-Satirikers Lenny Bruce, dabei nicht zuletzt auf den Monologen, die er bei seinen Auftritten gehalten hatte. Er starb 1966 an einer Dosis unreinen Heroins, aber sein Tod war in Wirklichkeit das Ergebnis einer jahrelangen Hatz durch die Polizei und durch Zeitgenossen, die ihn zum Schweigen oder ins Gefängnis zu bringen versucht hatten.

Seine Auftritte im Nachtklub waren keineswegs bloß komisch (was sie waren) oder obszön (was sie auch waren), sondern knallharte Angriffe auf gesellschaftliche Gebrechen und Heucheleien. Zu seinen Lebzeiten ist Bruce von vielen ernsthaften Kritikern in den USA und in England als ein engagierter Verkünder unliebsamer Wahrheiten gefeiert worden. Jetzt erleben wir, daß er auch die heutige Zeit einer traditionsfeindlich gesinnten Jugend vorausgesehen hatte, die eine wohlgeformte Sprache angesichts der gesellschaftlichen Widerwärtigkeiten blöd findet.

Der Autor von "Lenny", Julian Barry, den man vielleicht eher einen Redakteur von Lenny-Bruce-Texten nennen sollte, hat ein frei dahinströmendes Phantasiegebilde zusammengefügt, das uns von Bruces erster Begegnung mit der Striptänzerin, die er später geheiratet hatte, bis hin zu seinem Tod – eine elende Leiche neben dem Klosettbecken – führt. Die Traumeffekte, bei denen einige Schauspieler viele Rollen spielen, gehören zwar zur heute gewohnten Theatersprache, aber hier sind sie richtig verwendet. Das Stück wurde von dem Hair-Regisseur Tom O’Horgan inszeniert und demonstriert seine übliche Kombination unüblicher Einfälle und übertriebener Zurschaustellung; zum Beispiel wartet er überreichlich mit Nackten auf.