Kernkraftwerke erweisen sich als ein schwieriges Geschäft. Nicht nur, daß die Entwicklung bis zur kommerziellen Nutzung der Kernenergie länger gedauert hat, als die Experten erwarteten, auch die Sicherheitsauflagen der deutschen Behörden haben Komplikationen heraufbeschworen.

"Durch den deutschen Hang zur Perfektion", so der Vorstandsvorsitzende der Kraftwerk Union, Klaus Barthelt, verteuern sich die Kernkraftwerke in der Bundesrepublik nicht unerheblich. Bei einer Anlage mit einer Leistung von 700 Megawatt entstehen Mehrkosten von rund 20 Millionen Mark, weil die deutschen Sicherheitsbestimmungen eine volle Abdeckung des Risikos bei Erdbeben, Bersten des Druckreaktors, Explosion und Flugzeugabstürzen verlangen.

Diese Auflagen haben zwei Seiten. So sichern sie einerseits dem deutschen Unternehmen auf dem Gebiet der heute bereits kommerziell nutzbaren Leichtwasserreaktoren praktisch eine Monopolstellung in der Bundesrepublik. Ausländischen Unternehmen, die sich in der Regel nach dem leichteren internationalen Sicherheitsstandard der amerikanischen Technologie richten, fällt es schwer, in der Bundesrepublik ins Geschäft zu kommen. Alle gegenwärtig fest im Auftrag oder in der Planung befindlichen fünf deutschen Kernkraftwerke sind denn auch an die Kraftwerk Union gegangen, obwohl sich amerikanische Firmen und die schweizerische BBC ebenfalls um die Aufträge bemüht hatten.

Andererseits erschweren die Auflagen das Auslandsgeschäft des deutschen Unternehmens. Vorstandsmitglied Hans Frewer: "Wir müssen in jedem Einzelfall versuchen, ausländische Kunden von den Vorzügen der erweiterten Sicherheit zu überzeugen." Aus technischen Gründen ist es nicht möglich, die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen kurzerhand aus der deutschen Konstruktion fortzulassen.

Angesichts der scharfen internationalen Konkurrenz gelingt es nicht allzu oft, die Vorzüge deutscher Kernkraftwerke ins rechte Licht zu rücken. Die Kraftwerk Union, gemeinsame Tochter von Siemens und AEG-Telefunken und – bis zur Realisierung des kürzlich angekündigten Gemeinschaftsunternehmens von BBC und Babcock & Wilcox – der einzige potente Anbieter der Bundesrepublik, hat gegenwärtig lediglich einen ausländischen Auftrag in ihren Büchern stehen – das erste österreichische Kernkraftwerk, für das zu etwa zwei Drittel des Baupreises Zulieferungen aus Österreich eingeplant sind.

Dagegen blieb die Kraftwerk Union bei der Bewerbung um ein brasilianisches Kernkraftwerk zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo "nur ehrenvoller Zweiter" (Barthelt) hinter dem amerikanischen Westinghouse-Konzern, der zudem bessere Kreditkonditionen anbot. Westinghouse kreditierte den Kaufpreis über insgesamt 15 Jahre, von denen die ersten fünf tilgungsfrei bleiben. Der unterlegene deutsche Bewerber konnte dagegen trotz Einschaltung der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau lediglich einen Zehnjahreskredit offerieren, der obendrein mit einem Zinssatz von 7,5 bis acht Prozent ein knappes Prozent über dem amerikanischen Zinssatz lag.

Auch die Zusammenarbeit mit einem englischen Konsortionalpartner half nicht. Obwohl der englische Partner – eine Vereinigung von Elektrofirmen – bessere Kreditkonditionen brachte, verbilligte sich das deutsch-englische Angebot im Endeffekt nicht, weil die Arbeitskosten in England höher liegen als in der Bundesrepublik.