Von Heinz Josef Herbort

Wenn eine berühmte Sängerin an die dreihundertmal die Carmen dargestellt hat, muß sie der Welt sagen dürfen, daß, "je öfter ich mit der Carmen gastierte, desto unbefriedigender ich die meisten szenischen und bildnerischen Lösungen fand". Und wenn eine Sängerin das fand und ein Intendant genügend Geld hat, muß er sie endlich die richtige Fassung inszenieren lassen.

Regina Resniks eigene Carmen-Darstellung kenne ich nur von der Platte (Decca SXL 20 071/73). Dort ist die Arbeiterin in einer Zigarettenfabrik durchaus kein junges Ding mehr, sondern eine erfahrene Frau, die genau weiß, auf welche Tricks die Männer hereinfallen, und sie nutzt das ziemlich kalt und entschlossen aus. Frau Resnik heute: "Carmen spielt nicht mit ihren Reizen, sie hat sie." Einfach so. Und Frau Resnik läßt sie sie haben, einfach so.

Welche neuen Erkenntnisse über Carmen haben wir gewonnen, nachdem wir zwei "Carmen"-Inszenierungen Frau Resniks an der Hamburgischen Staatsoper, eine in deutscher, eine in französischer Sprache, und die Bühnenbilder von Arbit Blatas – ein "gemeinsam ausgearbeitetes sehr entschiedenes Konzept" – gesehen und gehört haben?

Erstens: Carmen hat an dem Tag, an dem das Stück spielt, die ersten Arbeitsstunden geschwänzt, denn während ihre Kolleginnen zur Arbeitspause aus dem Fabrikgebäude herauskommen, erscheint sie zu ihrem Auftritt von einer völlig anderen Seite über eine Freitreppe. Die Bewohner des Stadtteils von Sevilla, wo das Ganze spielt, müssen das übrigens gewußt haben, denn Sekunden vor dem Auftritt stellen sie sich alle in die zutreffende Richtung in Positur.

Zweitens: Die Mädchen in der Zigarettenfabrik sind Strafgefangene. Zur Arbeitspause erscheint zunächst die Polizei, um das Gelände zu sichern, dann wird von einem Schließer das schmiedeeiserne Torgitter aufgesperrt, ehe die Mädchen hinausdürfen.

Drittens: Um 1820 war der "belebte Platz" in Sevilla, auf den die Zigarettenfabrik stößt, eine Art von Kontakthof eines Eros-Centers.