Die Schlachtpläne sind erstellt, aber die Fronten noch, nicht bezogen. Premierminister Edward Heath will dem britischen Unterhaus wenige Tage nach Abschluß der Brüsseler Verhandlungen ein "Weißbuch" über den EWG-Beitritt vorlegen. Darüber soll das Parlament zwar im Juli debattieren. Abgestimmt wird aber erst nach den Parlamentsferien und den Parteikongressen im Herbst.

Erst Ende Oktober werden also die Fronten klar sein. In der konservativen Fraktion gibt es keine Probleme: Heath läßt alle Abgeordneten in die Ja-Lobby "peitschen". Höchstens 30 Tories unter Führung der Rechtsaußen Enoch Powel und Neil Marten dürften die Parteidisziplin brechen.

Für den Ausgang der Abstimmung sind sie jedoch kaum von Bedeutung. Denn die Labour-Fraktion wird Heath zur nötigen Mehrheit verhelfen. Noch hat sich Oppositionsführer Harold Wilson nicht entschieden, und wahrscheinlich werden der Gewerkschafts- und Parteikongreß den Schritt nach Europa mit großer Mehrheit ablehnen Aber mindestens 30 Abgeordnete dürften für den Beitritt und mit der Regierung stimmen, auch wenn Wilson und die Partei auf einem "Nein" beharren.

Spekulationen waren noch nie So populär wie heute: Sagt Wilson nein, so folgt er der Mehrheit der Partei, spaltet aber die Führungsschicht ab. In diesem Falle hätte Heath seine Mehrheit, Wilson, eine gespaltene Oppositionspartei. Wilsons Ausweg aus dem Dilemma: Er könnte die Abstimmung freigeben, womit Heath eine beruhigende Mehrheit für den Beitritt von 70 bis 150 Stimmen sicher wäre.

Doch für Wilson ist die Versuchung groß. Mit einem Nein könnte er sich auf die Seite der Bevölkerungsmehrheit schlagen, welche die EWG noch immer mit hohen Butterpreisen gleichsetzt.

Die EWG-freudigen Politiker halten sich weiterhin zurück. Sie warten die Beitrittsbedingungen ab. Die Wissenschaftler überlassen das Feld den beiden Anti-Propagandisten Nicholas Kaldor und Sir Roy Harrod.

Die EWG-Initiative ergriffen neuerdings wiederum die Industriellen, die schon immer an die Notwendigkeit eines größeren Marktes glaubten. Lord Stokes, Präsident der British Leyland Motor Corporation (Austin, Morris, Rover, Triumph, Jaguar, Daimler), nahm keine Rücksicht auf die 60 Prozent seiner 300 000 Aktionäre, die der EWG feindlich oder zumindest skeptisch gegenüberstehen. Über 400 000 Markzahlte BLMC für Stokes’ EWG-Werbekampagne in allen Londoner und vielen europäischen Blättern. fcw