Das Karussell der Balkandiplomatie dreht sich mit auffallender Beschleunigung, und seine Achse heißt Peking: Anfang Juni empfing Mao den rumänischen Staats- und Parteichef Ceausescu. Dem gefeierten "Kameraden" aus Bukarest toastete Tschu En-lai zu: "Wir werden immer an der Seite der unterdrückten Länder und Völker stehen und dem Machtstreben der Großmächte entgegentreten."

Wenige Tage später begrüßte Peking den jugoslawischen Außenminister Tepavac: Keine Erinnerung mehr an die chinesischen Brandreden gegen die "revisionistische Tito-Clique", die Tschou En-lai 1964 eine "Spezialeinheit des US-Imperialismus" genannt hatte.

Zur gleichen Zeit traf der rumänische Außenminister Manescu in Athen ein. Ministerpräsident Papadopulos nahm die Gegeneinladung nach Rumänien an, seiner ersten Auslandsreise seit der Machtübernahme der Junta 1967. Im Mittelpunkt der griechisch-rumänischen Gespräche soll eine verstärkte Zusammenarbeit sowie die Aufnahme, diplomatischer Beziehungen zwischen Athen und Peking gestanden haben. Die Stippvisite von Tepavac, der auf dem Rückflug von Peking in Athen Station machte, scheint das Liebäugeln der Griechen mit China zu bestätigen.

Daneben macht die Wiedereingliederung des Außenseiters Albanien in den Balkanraum Fortschritte. Anfang Juni unterzeichneten Belgrad und Tirana ein Handelsabkommen, das eine Zunahme des Warenaustausches von gegenwärtig 11 Millionen Dollar auf 110 Millionen Dollar im Jahre 1975 vorsieht. Die Entsendung eines jugoslawischen Botschafters nach Tirana fällt zusammen mit dem Beschluß der Athener Junta, erstmals nach 32jährigem Kriegszustand den griechischen Botschafterposten in Albanien noch in diesem Sommer zu besetzen.

Auch Bulgarien ist trotz der engen Leine Moskaus nicht untätig geblieben. Sofia bemüht sich offenbar um ein besseres Verhältnis zu Griechenland, Rumänien und Albanien. In den ersten Junitagen traf sich der rumänische Außenminister Manescu mit seinem bulgarischen – Amtskollegen Baschef.

Eine institutionelle Verknotung all dieser neu gesponnenen Fäden ist aber nicht in Sicht – trotz rumänischer Bestrebungen und eines still gehegten bulgarischen Balkan-Friedensplanes. Zwischen Belgrad und Sofia liegt der mazedonische Zankapfel. Jugoslawien steht jeder balkanischen Blockbildung skeptisch gegenüber, weil es das Mißtrauen der Sowjets gegen solche Pläne kennt. Athen will zwar seine Isolierung überwinden und die abweisenden westlichen Bündnispartner beeindrucken, kann aber doch nicht über den eigenen Schatten springen. Der Schock über die Invasion in die ČSSR hat die kommunistischen Außenseiter Jugoslawien, Rumänien und Albanien zusammenrücken lassen. Belgrad und Bukarest haben jetzt in Peking die "Rückversicherung" für ihren eigenen Weg eingeholt. China hat zudem im März dieses Jahres den Rumänen umfangreiche Entwicklungshilfe zugesagt.

Die Reaktion Moskaus auf Pekings Herausforderung läßt auf sich warten. Die seit einer Woche unter der Parole "YUG" (Süden) an den Grenzen Rumäniens angelaufenen sowjetischen Riesenmanöver, die auf Ungarn (in Richtung Jugoslawien) ausgeweitet wurden, mögen eine erste Warnung des Kreml sein.