ARD, Sonntag, 27. Juni: "Der Lehrer um 30", von Helmuth Weiland und Istvan Bury

Lateinstunde: Sitten und Gebräuche der Germanen und Gallier. Lehrer: "Wozu baden sie gemeinsam nackt?" – Hm. – "Eine gewisse Erziehung, Gewöhnung wird hier angestrebt, denken Sie einmal an Sylt. Wo gibt es ein ähnliches Erziehungsideal?" – Schüler: "Am FKK-Strand." – Lehrer: "Nein, so kann man nicht sagen. Bei Anhängern der Freikörperkultur."

Wo ein guter Wille ist zu Aufgeschlossenheit und Modernität, ist noch lange kein Weg. Die Mehrzahl aller Lehrer ist schon auf Grund ihrer Vorbildung und ihres Bewußtseins nicht in der Lage, den reformbedürftigen Unterricht an Deutschlands Schulen progressiv zu gestalten. Aber auch die "politisch bewußten" "Lehrer um 30", die Weiland und Bury in ihrem miseregerechten Film "als so etwas wie eine neue Generation" darstellen, sind beim Abbau traditions-, aber mittlerweile wenig segensreicher autoritärer Unterrichtsstrukturen stark gehandikapt. Denn – das "didaktische Chaos" (Expertenformulierung) ist groß und der Widerstand gewaltig.

Zwischen vier Interessengruppen werden die Lehrer mit den vielen Ferien zerrieben: Eltern, Schulbehörde, Kollegen, Schülern. Die Eltern haben ganz bestimmte und ganz verschiedene Vorstellungen von der Aufgabe eines Lehrers, beispielsweise die, er solle Bildung vermitteln ("Demokratie lernen sie dann auf der Universität"). Ein saurer Apfel für demokratischen Unterrichtsstil praktizierende Lehrer, zumal Aktivitäten von Eltern bei Schulbehörden weder selten noch selten erfolglos sind. Das betrifft vor allem das Gebiet der Sexualerziehung. Verklemmte Eltern überlassen sie zwar liebend gern dem Lehrer, gehen aber auf die Barrikaden, wenn er vor der Klasse zweimal "das Wort mit f" (Weiland) benutzt.

Schulbehörde und Ministerien drücken von oben; die Schule soll eine gesellschaftserhaltende Einrichtung bleiben. Ein Schüler, nach der Funktion der Schule gefragt, gibt zur Antwort: den Produktionsfluß in Gang zu halten. Erzogen wird der "Leistungsbürger und nicht der Staatsbürger" (Weiland).

Kollegen drücken von der Seite; was der eine aufbaut, baut der andere wieder ab. Bei autoritären Lehrern angestaute Aggressionen lassen Schüler beim Liberalen wieder ab, so daß auch diesem in der Regel ein Rückgriff auf autoritäre Methoden als einzige Möglichkeit erscheint.

Und von unten drücken die den Lehrern an politischer Bildung oft haushoch überlegenen Schüler mit ihren Forderungen, vorgeführtes Sachwissen als ideologiegefärbt erkennbar zu machen, reaktionäre Schüler und Lehrer zu isolieren, und anderen.