München

Der Deutsch-Amerikaner Antony (Toni) Lötschert aus Phönix/Arizona, zurückgekehrter Sohn deutscher Auswanderer, wollte beweisen, daß ihm des Bundesbürgers Freizeitgestaltung am Herzen liegt und er selbst dabei hart im Geben und clever im Nehmen sein kann. Dazu gründete er am Rande der 2000 Einwohner zählenden Ortschaft Grafrath, im bislang stillen Ampertal zwischen München und Augsburg, eine Stadt. Ihr Name: Hot Gun Town. Sie ist die "erste originalgetreue Wildwest-City Europas" – und möglicherweise der größte Schwarzbau in Oberbayern.

Zunächst schienen alle begeistert von der "Stadt der heißen Colts". Nach der Eröffnung am vorletzten Wochenende widmete ihr die Tagesschau – Nachrichtensprecher Röpke grinste charmant – einen 20-Sekunden-Schwank, das ZDF, so wurde vermeldet, wolle hier 52 Folgen einer Serie "Stadt ohne Sheriff herstellen, ja sogar die Ostberliner Defa interessierte sich für die Filmkulisse, und in den Zeitungen war zu lesen: "Der wilde Westen lebt – friedlich in Oberbayern." Er wird repräsentiert von zwanzig winterfesten Holzhäusern, darunter ist eine Kirche, ein City-Hotel, das Büro des Sheriffs nebst Gefängnis, eine Poststation, eine Schmiede, die Zeitungsredaktion der "Frontier News" und ein Bahnhof mit eineinhalb Kilometer langem Schienenstrang, von der Deutschen Bundesbahn ordnungsgemäß geprüft.

Freilich, nur leblose Wildwestromantik in Form eines Freilichtmuseums unter den weißblauen Himmel zu verpflanzen, das hatte der Unterhaltungsmanager Lötschert nicht im Sinn. Und so stattete er die Stadt auch mit einem Laden aus, in dem gegen harte Mark alle notwendigen Cowboy-Utensilien – alles Importware – feilgeboten werden, zeitgenössisch eingekleidet kann der Gast dann in den "Silver-Dollar-Saloon" schlendern, Whisky pur in die Kehle schütten und fünf Cancan-Girls beim Hochwerfen der Beine bewundern. Wird das langweilig, steigt man aufs (gemietete) Pferd, galoppiert high noon durch die staubige Hauptstraße in die Mexico-Ranch, um an kalten Büfett (für acht Mark, Kinder die Hälfte) soviel zu essen wie man mag.

Jeweils zur vollen Stunde macht die Hot Gun Town jedoch ihrem Namen erst wirklich Ehre. Da wird dann ein bißchen geballert und geboxt, daß die Fetzen fliegen. Mal wird eine vierspännige Postkutsche überfallen mal die Bank, mal ist große Schlägerei im Saloon, mal rauchen die Flinten am Fenster des City-Hotels. Und natürlich gibt es "Tote". Zunächst freilich nur neun pro Tag zwischen 9 und 19 Uhr. Denn: "Wir fangen ganz zart an", erklärte City-Manager Lötschert, der für seine Western-Shows sechs Münchner Schauspielschüler (Monatsgage 1500 Mark) engagiert hat.

In den ersten vier Tagen pilgerten trotz Regenwetters bereits mehr als 10.000 Menschen nach Hot Gun Town, um zum Eintrittspreis von drei Mark (Kinder zwei Mark) statt des sterilen Tele-Western die Schießerei in natura (respektive mit Platzpatronen wenigstens) zu erleben. Auf den von Autos verstopften Straßen von Grafrath erlebten sie aber auch eine inzwischen mobilisierte "Bürgerinitiative". Mehrere hundert Bewohner der umliegenden Gemeinden protestieren mit Flugblättern, Lautsprechern und Plakaten. "Westernstadt: Vorschulerziehung zum Völkermord" – "Hier wird ihrem Kind das Wiegenlied vom Tod gespielt" – "Wir wollen keine Killer-Schule" – "Spielplatz der Gewalt, ein Beitrag zur Freizeitgestaltung oder zur Brutalisierung der Gesellschaft?" So lauteten die Aufschriften.

Hot Gun Town, deren Geschäftsführer bei der Eröffnung gesagt hatte, "jeder, der eine Waffe trägt, ist bei uns willkommen", liegt nun unter schwerem Beschuß. Und erst langsam stellt sich dabei heraus, daß die bayerische Wildweststadt offenbar auch in Westernmanier zustande gekommen ist. Die Staatsforstverwaltung verpachtete dem geschäftstüchtigen Antony Lötschert ohne große Schwierigkeit 400 000 Quadratmeter Staatsforst für sein Vorhaben. Dazu jetzt das Landratsamt Fürstenfeldbruck: "Wenn sonst jemand was vom Staatsforst will, ist das sehr schwierig."