Von Rolf Kunkel

Sport ohne Politik ist eine Illusion. Keine Sportinstitution, sei es das Internationale Olympische Komitee, ein nationaler Dachverband oder ein beliebiger Fachverband, kann heute im internationalen Rahmen mehr Sport betreiben, ohne sich mit den jeweiligen politischen Gegebenheiten zu arrangieren. Andernfalls sind die Sportler die Leidtragenden. Diese Entwicklung, nämlich eine untrennbare Verknüpfung von Sport und Politik, mag man bedauern, zu ändern ist sie nicht. Die Situation wird auch dadurch nicht verbessert, daß sich Sportfunktionäre wie vor 20 Jahren an die Formel klammern: Die Politik geht uns nichts an. Was dabei herauskommt, zeigt das Beispiel eines niedersächsischen Leichtathletikvereins, der rhodesische Sportler in die Bundesrepublik einlud. Folgendes war geschehen:

Das Leichtathletik-Zentrum Südheide weilte im vergangenen Jahr mit einer Mannschaft zu Wettkämpfen in Rhodesien, der Gegenbesuch war für diesen Sommer geplant. Ordnungsgemäß wurde dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) als zuständigem Fachverband Mitteilung gemacht; der DLV begrüßte die Initiative der Niedersachsen und billigte den Gegenbesuch ausdrücklich. Er hatte nach den Regeln des Internationalen Leichtathletikverbandes völlig korrekt gehandelt, denn sowohl der DLV als auch der rhodesische Leichtathletikverband sind ordentliche Mitglieder der IAAF. Beide können Wettkämpfe veranstalten und Sportler austauschen, so oft sie wollen. Die IAAF gab erst im April dieses Jahres das Ergebnis interner Recherchen bekannt, wonach im rhodesischen Leichtathletikbetrieb keine Rassendiskriminierung herrscht (Rhodesiens Sportler des Jahres 1970 wurde der schwarze Sprinter Mandaza) und ersuchte ihre Mitglieder, gemäß den Statuten den Sportverkehr mit diesem Land aufrechtzuerhalten.

Mittlerweile war dem Auswärtigen Amt eine Information zugegangen, wonach die Einreiseanträge einer gemischtrassigen rhodesischen Leichtathletikgruppe unmittelbar bevorstünden. Vorbeugend erklärte das Außenministerium, derartige Anträge müßten abgelehnt werden, weil sich die Bundesregierung an eine UNO-Resolution gebunden fühlt. Danach darf Rhodesiern die Einreise nur bei besonderen Gründen erlaubt werden. Diese Resolution des UN-Sicherheitsrates, die auf das Jahr 1968 zurückgeht, dient der Verhängung von Sanktionen gegen das rhodesische Regime und wurde von der Regierung der Großen Koalition expressis verbis anerkannt, wie UNO-Generalsekretär U Thant mit Schreiben vom 12. 11. 1968 mitgeteilt wurde. Die Sanktionen betreffen unter anderem den allgemeinen Reiseverkehr. Da es sich bei dem geplanten Aufenthalt rhodesischer Sportler um bilateralen Besuchsverkehr handelt, mußte die Einreise verweigert werden. Das Auswärtige Amt hatte bei der Ablehnung keinen Spielraum.

Es ist heute müßig zu fragen, warum sich die Bundesrepublik, die ja nicht UN-Mitglied ist, der Resolution anschloß. Es handelte sich um eine außenpolitische Ermessensentscheidung, zu der die Bundesregierung nach wie vor steht. So gesehen stellt der Start rhodesischer Sportler in der Bundesrepublik einen Affront gegen die gesamte deutsche Afrikapolitik dar. Ein harmloser 100-Meter-Lauf könnte verheerende außenpolitische Folgen hatten, falls die rhodesische Regierung – was sogar wahrscheinlich wäre – das Auftreten eines Sportteams in der Bundesrepublik propagandistisch auswerten würde. Die Reaktion der schwarzafrikanischen Staaten läßt sich leicht ausmalen, die ohnehin bereits Sturm laufen gegen die Einladung Rhodesiens zu den Olympischen Spielen in München.

Das Auswärtige Amt erklärte, es habe in der Vergangenheit schon mehrfach rhodesischen Sportlern die Einreise verweigert. Auf der anderen Seite ist bekannt, daß rhodesische Sportfunktionäre in letzter Zeit Gast des Organisationskomitees von München waren. Dieses Kuriosum erklärt sich aus der doppelten Staatsbürgerschaft der weißen Rhodesier, die nebenher über alte britische Pässe verfügen, die formal noch gültig sind und mit denen sie – sofern die Grenzbehörden nicht aufpassen – jederzeit einreisen können.

In bezug auf die Olympischen Spiele befindet sich die Bundesregierung in einem Dilemma: Einerseits ist sie der UNO verpflichtet, andererseits dem IOC, dem sie 1966 die Ausrichtung der Spiele nach den IOC-Regeln zusagte. Es ist klar, daß sich die Bundesregierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht festlegen möchte, welche der beiden Verpflichtungen Vorrang hat. Man will zunächst die Sitzungen des IOC im September in Luxemburg und im Februar nächsten Jahres in Sapporo abwarten, in der Hoffnung, daß sich das Problem durch den Ausschluß Rhodesiens von selbst erledigt. Sollte die Bundesrepublik freilich vor die Wahl gestellt werden, besteht kein Zweifel, daß sie der politischen Seite Priorität einräumen wird. Dennoch scheint eine Umgehung der UNO-Sanktionen möglich angesichts der Tatsache, daß es sich bei den Olympischen Spielen um eine internationale Sportveranstaltung handelt, die rein zufällig auf dem Boden der Bundesrepublik stattfindet. Die Einreise der rhodesischen Olympiamannschaft wäre demnach kein bilateraler Reiseverkehr, sondern müßte als Ausnahmefäll angesehen werden. Inwieweit es allerdings nach moralischen Maßstäben gerechtfertigt erscheint, rhodesische Sportler jetzt nicht und 1972 vielleicht doch einreisen zu lassen, steht auf einem anderen Blatt.