Als Willy Brandt vor vierzehn Monaten bei seinem ersten Washingtoner Besuch Präsident Nixon und seinen Ratgebern die neue deutsche Ostpolitik erläuterte, bekam er noch eine verhaltene Distanz zu spüren, hier und da sogar ein leichtes Mißtrauen. Vorige Woche dagegen konnte der Kanzler einen deutlichen Stimmungsumschwung beobachten. Die Reserve Nixons scheint geschwunden zu sein. Ein Mitarbeiter des Kanzlers stellte enthusiastisch fest, heute klinge der Dialog zwischen Bonn und Washington beinahe so ungezwungen und intim wie seinerzeit der zwischen Konrad Adenauer und John Foster Dulles.

Sachlich hat sich tatsächlich eine Kongruenz des Vorgehens und der Zielsetzungen im Umgang mit Osteuropa und der Sowjetunion ergeben. Die Entspannungspolitik Brandts hat sich mit den Viermächteverhandlungen über Berlin und den Fühlungnahmen zwischen Ost und West wegen einer wechselseitigen Reduzierung von Streitkräften in Europa verzahnt. Die Bestrebungen der Amerikaner, zu vertraglich gesicherten Abkommen über den Ausgleich mit Moskau zu gelangen, hat merklich in Schwung gewonnen. Noch allerdings bewirken sowjetische "Signale" gelegentlich Verwirrung. Sie sind wechselvoll und lassen die wahren Moskauer Positionen im unklaren.

Die erste Unterhaltung des sowjetischen Botschafters Dobrynin mit Außenminister Rogers hat die Zweifel nicht behoben. Der Kontakt soll in Kürze fortgesetzt und vertieft werden. Gerade darum bestand zwischen Brandt und Nixon Einvernehmen, die Berlin-Verhandlungen – ohne förmliche Bindung an andere diplomatische Unternehmen – als Prüfstein zu nehmen. Sie sollen nach Möglichkeit ohne Sommerpause durchgezogen werden.

Am Status von Berlin, zu dem die drei Westmächte und die Sowjetunion ihre unterschiedlichen Auffassungen deklaratorisch aussprechen werden, wird sich nichts ändern. Das heißt aber auch: Völkerrechtlich wird sich für den Westen nichts verschlechtern. Erst wenn die Viermächtevereinbarung unter Dach und Fach ist, werden die beiden deutschen Staaten über das Verkehrsabkommen formell verhandeln, das dann in das Vierer-Abkommen eingefügt wird. Im Falle seiner Verletzung würden alle vier Mächte als Konsultations- oder Schlichtungsinstanz tätig werden. Nach der gemeinsamen Auffassung Brandts und Nixons könnte den Sowjets ein Konsulat in Westberlin eingeräumt werden.

Als ersten Schritt eines Truppenabbaus befürwortete Brandt eine anfängliche "symbolische Verringerung der Streitkräfte", wie sie Außenminister Rogers im Gespräch mit der ZEIT angeregt und dann in Lissabon auf der Nato-Rat-Tagung ventiliert hatte. Das Weiße Haus und das Pentagon sind da aber viel zögernder. Der Vorschlag bleibt ein Versuchsballon.

Die Aushandlung des deutsch-amerikanischen Offset-Abkommens überließen die Prinzipale im wesentlichen den Experten. Es soll nach amerikanischem Wunsch auf zwei Jahre befristet werden. Brandt offerierte neben den Direktleistungen, wie dem Erwerb von Phantom-Flugzeugen und anderen Rüstungsgütern (rund 900 Millionen Dollar), deutsche Haushaltszuschüsse für die Modernisierung der Kasernen, in denen die siebte Armee untergebracht ist, und einen zinslosen Kredit der Bundesbank.

Nicht nur im Weißen Haus kam Willy Brandt gut an, sondern auch bei jenen Anhängern des Establishments, die seiner Politik bisher mit Mißtrauen begegnet waren. Dazu gehörte lange Zeit der frühere Hohe Kommissar in der Bundesrepublik, John McCloy. Jetzt feierte er Willy Brandt in New York als "einen großen, wenn nicht den größten europäischen Staatsmann" der Gegenwart.