Im tropischen Afrika wächst eine kleine rote Beere, von deren Existenz man aus Berichten der Entdecker seit ungefähr 250 Jahren weiß. 1966 nahm sich. eine Psychologin der Beere an und experimentierte damit in den Labors der US-Armee. 1974 wird das Ergebnis in den Supermärkten landen: ein. kalorienloser und höchstwahrscheinlich ungefährlicher Zuckerersatz.

Seit Cyclamat in den USA verboten wurde und Saccharin als krebsfördernd verdächtigt wird, suchen Ernährungswissenschaftler nacheinem neuen Süßstoff für Dicke und Diabetiker. Nun scheint es, als habe eine Psychologin das Rennen gemacht. Professor Linda Summerfield, die seit einem Jahrzehnt in den USA als Geschmackspsychologin arbeitet, stieß in einem alten Buch über Naturheilkunde auf Synsepalum dulcificum – von US-Forschern heute als "Wunderbeere" bezeichnet.

Die bemerkenswerten Wirkungen der Frucht studierte Professor Summerfield, die unter ihrem Mädchennamen Bartoshuk publiziert, zunächst an sich selbst. Nach dem Genuß einer Beere aß sie mit Vergnügen vier Zitronen. Dann wurde ihr allerdings gründlich übel. "Denn", so sagt sie zu ihrem Versuch, "die Säure ist immer noch da. Nur spürt man sie nicht mehr, weil die süßende Wirkung der Beere so anhaltend stark ist." Anschließend experimentierte die Psychologin im US-Armee-Labor in Natik (Massachusetts) zunächst mit Hamstern, die von ihrer normal gesüßten Nahrung zu fett wurden. Und dann mit Menschen: Während sie die Beeren verspeisten, wurden ihre Hirnströme gemessen. Dr. Summerfield nämlich fahndet nach Veränderungen im Hirnstrombild, die möglicherweise eine von dem Wirkstoff der Beere verursachte Aktivierung der Geschmacksrezeptoren für "süß" oder eine Desensibilisierung der "Sauer"-Melder anzeigen.

Inzwischen haben sich auch die Biochemiker der Florida State University der süßen Frucht angenommen. Die Forschungen haben bisher ergeben: Die Süße, die die Frucht verleiht, ist geschmacklich von Zuckersüße nicht zu unterscheiden. Die Beere hat keine Kalorien. Und: Der aktive Bestandteil im Saft der Frucht ist ein Gykoprotein, eine Substanz, deren Moleküle außer einem Eiweißbestandteil noch einen Kohlehydratanteil besitzen. Dieser Stoff bildet offenbar eine sehr dünne, aber widerstandsfähige Schicht, auf der Zunge, die bewirkt, daß Zitrone wie Limonade schmeckt. Der biochemische Mechanismus dieser Geschmacksumwertung ist freilich noch weitgehend unbekannt.

Für die kommerzielle Verwertung der bisherigen Erkenntnisse interessiert sich die Meditron-Company, deren Präsident ein früherer Doktorand von Linda Summerfield ist. Meditron hat dem neuen Süßstoff sogar schon einen Handelsnamen gegeben: Mirlin. 100 000 Sträucher der vielversprechenden Pflanze wachsen bereits in den Gewächshäusern der Firma. Sie werden in drei Jahren die süßen Beeren tragen, deren Extrakt zu Pillen verarbeitet wird.

Bei Meditron ist man überzeugt davon, daß schädliche Nebenwirkungen der neuen Diätsüße ausgeschlossen seien, zumal die Frucht in Westafrika seit Jahrhunderten genossen wird. Die Ernährungsbehörde der Vereinten Nationen (FAO) hat. schon ihr Plazet zur Verwertung der Beere gegeben. Um Zulassung in den USA durch die Food and Drug Administration bemüht sich Meditron gegenwärtig. Freilich sind dafür noch lange Erprobungsreihen erforderlich.

Problematisch ist die lange Nachwirkung der Süßkraft von Mirlin. Wer eine Tablette gekostet hat, ist dazu verdammt, in der nächsten Stunde alles zuckersüß zu schmecken. So lange hält sich die süßende Schicht auf der Zunge. Wer also mit Mirlin gesüßten Kuchen genossen hat, dem schmeckt auch – nolens volens – der anschließende Kaffee gezuckert, vielleicht sogar noch das abendliche Bier. K. K.