Ende Juni wird sich die Genfer Abrüstungskonferenz wiederum mit dem Problem der biologischen und chemischen Waffen herumschlagen, einem Problem, das fast so alt ist wie das Jahrhundert. Erstmals aus dem Bereich des Phantastischen in den Bereich des Realen rückte der stille Tod im Ersten Weltkrieg. Die deutsche Oberste Heeresleitung entschloß sich am 22. April 1915 in der zweiten Schlacht bei Ypern zum massiven Einsatz eines tödlichen Kampfgases. Die unvorbereiteten französischen und englischen Soldaten versuchten, dem Todesgeruch des Chlorgases in einer Massenflucht zu entkommen.

Den verbrecherischen Entschluß übertraf noch die irrsinnige Art seiner Ausführung: Das tödliche Lungenkampfgas wurde aus Gasflaschen in Richtung auf die feindlichen Linien abgeblasen. Als der Wind drehte, gerieten auch die nur primitiv geschützten, unzureichend ausgebildeten deutschen Soldaten in Gefahr. Ypern fiel nicht. 5000 Gastote blieben auf dem Schlachtfeld. Insgesamt sind dem nun einsetzenden Gaskrieg beider Seiten (die Westmächte hatten zuächst nur Tränengas verwendet) etwa 100 000 Menschen zum Opfer gefallen. Mehr als eine Million Menschen erlitten zum Teil lebenslängliche Schäden. Es wird geschätzt, daß 125 000 Tonnen chemische Kampfstoffe (meist Phosgen) verbraucht wurden.

Die Gasschlacht bei Ypern hat im Gedächtnis der Menschen als Schreckenssignal überdauert. Im Zweiten Weltkrieg wagte es niemand, die inzwischen weiterentwickelten Giftgase einzusetzen. Zu groß war das Gefühl der Unberechenbarkeit. Die strategische Lehre vom "Gleichgewicht des Schreckens" nahm also vor der Atombombe ihren Anfang.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden durch die Haager Konventionen Gifte und Giftgeschosse als Kampfmittel verboten. Auf der Genfer Waffenhandelskonferenz 1925 kam dann das sogenannte "Genfer Protokoll" zustande. Sein Inhalt: Das "Verbot der Verwendung von erstickenden, giftigen oder ähnlichen (englisch: anderen) Gasen sowie von bakteriologischen Mitteln im Kriege". Doch die Entwicklung, Herstellung und Lagerung solcher Waffen wurde nicht untersagt. Die umfassendere Regelung war an der Kontrollfrage gescheitert. Bei dem Genfer Teilerfolg ist es bisher geblieben.

Erst im Vietnam-Krieg wurde der Menschheit wieder bewußt, wie dringend dieses Problem angepackt werden müßte. Die Möglichkeiten der chemischen Kriegsführung haben sich seit 1945 verfeinert. Heute kommt der Tod auf Umwegen, er ist dosierbar geworden.

Die kampfunfähigmachenden Gase DM (Adamsit), CS (Ortho-Chlorbenzalmalonitril, der wichtigste Weißkreuzkampfstoff) und CN (Chloracetophenon), euphemistisch als Tränengase beschrieben, lassen den umzingelten Gegner zum wehrlosen Objekt der Maschinengewehrschützen werden. Wer nicht aus Gräben oder Höhlen ins Schußfeld läuft, erstickt an der in Tunneln erreichbaren Kampfgaskonzentration.

Die chemischen Laub- und Erntevernichtungsmittel bereiten auf den Hungertod vor: Ganze Landstriche können für Jahrzehnte in Wüsten und Steppen verwandelt werden. Hinzu kommen die wahrscheinlichen Spätfolgen: eine Katastrophe à la Contergan, ausgebreitet durch Sprühflugzeuge.