Vernunft und Wille – oder die Liebe? Was treibt uns? Die uralte Frage nach den Prinzipien und Kategorien menschlichen Da-Seins und So-Seins also. Darf man sie stellen in der Oper?

"Haß verzerrt. Liebe lenkt ab vom Ziel. Nur Vernunft, nur der Kopf faßt das All" – das ist die Lebensphilosophie von Pan Hon-San, einem Intellektuellen, der weder Nachbarn kennt noch Frauen beachtet, der Bücher schreibt und den Kung Fu-tse zitiert. "Zum rechten Manne gehört Getriebenwerden, Sichfallenlassen. Nicht allein die Tat führt zum Ziel. ‚Nicht-Tun‘bringt weiter" – so Song-Long, ein Dämon, der gelegentlich menschliche Natur annimmt, um Pan Hon-San zu belehren und zu bekehren: "Du bist nur halb, wenn nur dein Kopf befiehlt."

Ist eine Synthese möglich? Möglich schon, allein die Konsequenzen sind tödlich. Notwendig ist zunächst: verwandelt zu werden (Bewußtseinsveränderung hieße das heute). "Leib wird Herz. Herz wird Liebe." Wer schafft diese Verwandlung? Zwei Halbgeister, Füchsinnen, gute Geister, die danach streben, in die höhere Daseinsform aufzusteigen: Menschen zu werden.

"Menschenliebe bringt Leben den Geistern", heißt es, aber auch: "Geisterliebe bringt Tod dem Mann." Pan Hon-San steht vor der Entscheidung: selber zu leben, halb, weil ohne Liebe – oder zu sterben, indem er liebt und Leben schafft. Pan Hon-San entscheidet sich für die Liebe, und seinen Leichnam nehmen die Dämonen in ihren Kreis auf. "Geborenwerden heißt Sterben, und Sterben heißt Geboren werden" – der ständige Kreislauf des Lebens.

"Geisterliebe" – am vergangenen Sonntag in Kiel anläßlich der Eröffnung der Kieler Woche uraufgeführt – ist die dritte Oper des Koreaners Isang Yun, wie "Der Traum des Liu-Tung" und "Die Witwe des Schmetterlings" der Versuch, Fernöstliches mit Westlichem so in eine Verbindung zu bringen, daß beide Teile einander wirklich durchdringen und nicht mehr nur nebeneinander stehen.

"Geisterliebe" ist ein Stück Kulttheater. Der sehr stilisierte Text (Libretto: Harald Kunz), zwischen Naivität und Hymnik pendelnd, will den Charakter von mythologischem Spiel in einer Art von fernöstlichem "Jedermann" wahren: "Lerne lieben, Pan Hon-San, lerne leiden!"

Die Inszenierung von Harro Dicks, der bereits in die Arbeit am Libretto empfindlich eingriff, als er das Stück auf seinen mythologischen Kern beschränkt wissen wollte, überzog das Statische, Kultische des Werks beträchtlich. Emotionen sind aus der Szene verbannt, Oratorisches soll sie ersetzen – Yuns Musik gibt für diese Askese keinerlei Grund; sie ist impulsiv, dramatisch, intensiv.