Von Heinz Josef Herbort

Erinnern Sie sich: Was taten Sie, damals, als Sie auf einer vereisten Straße fuhren – plötzlich trat die alte Frau auf die Fahrspur und blieb dort vor Schreck wie angewurzelt stehen, was taten Sie? Wie haben Sie reagiert, als Sie sich der Autobahnbrücke näherten und feststellten, daß auf ihr die Fahrbahn spiegelglatt gefroren war? Wie verhielt sich Ihr Wagen, als Sie von dem dicken Brummer neben Ihnen zuerst in die lange Pfütze an der Grünstreifenkante gedrängt und dann zur Vollbremsung gezwungen wurden? Was haben Sie unternommen, damals, Sie erinnern sich, es war neblig und fürchterlich glatt dazu, als Sie plötzlich diese Massenkarambolage vor sich auf der Autobahn entdeckten, zwanzig ineinander verkeilte Autos, beide Fahrspuren versperrt?

Sie traten natürlich jedesmal auf die Bremse, ganz spontan, wie jeder, der auf ein Hindernis reagiert. Aber dann versagten die Bremsen, und als Sie das Steuer in letzter Sekunde herumrissen, versagte auch noch die Lenkung. Jedenfalls behaupten Sie es noch heute.

(Sie meinen, das sei ihnen doch noch gar nicht passiert? Dann warten Sie ein wenig, schon beim nächsten Schauer oder beim ersten Frost haben Sie ungeheure Chancen.)

Systematische Vergleiche haben erkennen lassen, daß bei der Mehrzahl aller auf glatten Fahrbahnen sich ereignenden Auffahrunfälle und Zusammenstöße die Vorderräder eingeschlagen waren: die Fahrer versuchten, dem Hindernis auszuweichen. Aber da sie voll in die Bremsen gestiegen waren, die Räder daher blockierten, war das Fahrzeug lenkunfähig: es rutschte nach den Gesetzen der Trägheit unaufhaltsam auf das Hindernis zu. Die meisten Menschen bremsen sich eben in die Katastrophe hinein.

Das Beispiel mit der plötzlich auftauchenden Oma: hätte der Fahrer versucht, durch "Intervallbremsung" (bremsen, Räder blockieren, Bremsen lösen, Wagen rollen lassen, bremsen, lösen – in kürzesten Abständen) wenigstens feinen Teil seiner Geschwindigkeit abzubauen, hätte er dann ausgekuppelt (nur die Kupplung treten, ohne den Gang zu wechseln), voll gebremst, dadurch die Räder blockiert, das Lenkrad eingeschlagen und drei, vier Meter vor der Angewurzelten die Bremsen gelöst – der Wagen wäre um die alte Dame herumgefahren. Aber wer wagt es schon, drei, vier Meter vor einem Hindernis den Fuß von der Bremse zu nehmen?

Oder das Beispiel mit der Pfütze am Grünstreifen: als der Fahrer bremste, brach der Wagen hinten aus, stellte sich quer. "Intervallbremsung" hätte hier die ständige Blockade verhindert und das Schlimmste verhütet.