Wie stellt man das bloß an: Kunst – was, immer man darunter versteht oder nicht verstanden wissen möchte – unter die Leute zu bringen? Wie macht man es, daß die Leute sich nicht nur mit Kunst abgeben, weil es heißt, sie verleihe menschlichem Dasein erst die höheren Weihen der Bildung und der Verinnerlichung, sondern weil man sich damit ausdrücken kann, weil sie, simpler noch, Vergnügen macht? Wie bringt man einen Kunstbetrieb ohne Klassen zustande?

Denn das ist es doch, was diesen missionarischen Eifer zur Demokratisierung der Kunst immer neu hervorruft: die Distanzierung von den Kunsttempeln, die nur von der immer gleichen Gruppe von Gläubigen betreten werden. So hatte sich die Volksbühne entwickelt, so waren die Ruhrfestspiele entstanden, und was heute an Erklärungen ihrer Veranstalter übrigbleibt, ist Qualm, ist einfach Hilflosigkeit und voller Zweifel – nachzulesen in Henning Rischbieters Artikel auf Seite 12.

Längst hat es eine Menge anderer Versuche gegeben, "die Leute", "die Bürger", "die Arbeiter" zu interessieren, sie aufmerksam zu machen, zu beteiligen. Der jüngste Versuch war vergangenes Wochenende gerade in Hamburg zu beobachten, wo ein Maler und ein Architekt eine Fabrik von 1830 entdeckt und mit außerordentlichem Geschick hergerichtet haben: zu einem "Aktionsforum, das die verschiedenen Kunstsparten und Kommunikationsformen, die unsere Gesellschaft voneinander isoliert, zusammenführen soll. Es gibt", so heißt es da weiter, "dem einzelnen die Möglichkeit, sich zu informieren und aktiv zu werden."

Wie bei allen diesen, meist so überwältigend ehrlichen Versuchen hat man nach dem (hier drei Tage dauernden und auch gelungenen) Fest einen Kater zurückbehalten: Gekommen war die exklusive Galerie-Vernissagen-Clique, um die es den Veranstaltern gerade nicht geht – denn sie wollen ja die Kunst aus den Galerien herausholen und "zu den Leuten hin" bringen; ausgeblieben waren aber eben die Leute, in deren Stadtteil man nun gekommen ist, um sie zu interessieren. Sie lehnten nur in den Fenstern ihrer Mietwohnungen rings herum und betrachteten abwartend, vielleicht auch wohlwollend, das Cordsamt-Leder-Knautschlack-Volk, Twens und etwas jünger und etwas älter, das aus Spaß in die Fabrik ging.

Wie das ausgehen, wird, weiß man natürlich nicht; aber es gibt eine Menge Fragen, die sich hier wie bei allen verwandten Unternehmungen häufen: Ist das nicht wieder nur so ein rührender wie ungeschickter, allzu wenig vorbereiteter und durchdachter, ein sozialromantischer Versuch, "den Leuten" die "Scheu vor der Kunst" zu nehmen? Gehört dazu nicht ein Programm? Muß man nicht ein paar didaktische Überlegungen anstellen, wenn man ein kritisches, engagiertes oder auch nur ein unbefangenes Freundschaftsverhältnis zur Kunst herstellen will? Wird das Aktionsforum am Ende doch nichts anderes als ein neuer Beatschuppen (was ja auch schon was wäre)? Haben die Veranstalter also doch nur wieder eine blaue Blume gepflückt, die ihnen nun in der Hand verwelkt? Beruht das Projekt nicht auch auf einem Milieu-Irrtum? Und ist dem Zwang zum feinen Theaterkleid statt der Befreiung nicht nur ein neuer Zwang, der zum Fabrikschuppenkleid, gefolgt?

Schöne Ideen: "Konfrontation", "keine Klassifizierung", "Möglichkeit des Einblickes in die (künstlerischen) Arbeitsprozesse", "Kontakt zu den Schaffenden", "eine Grundlage für die Anwendbarkeit der Kunst finden".

Schwierige Wirklichkeit – und ein Thema, das uns noch lange bleibt, und Fragen, auf die es noch lange keine Antwort geben wird.

Manfred Sack