Von Hellmuth Karasek

Wenn die Igel in der Abendstunde – still nach ihren Mäusen gehn, hing auch ich verzückt an deinem Munde, und es war um mich geschehn.

Kurt Tucholsky

Sobald Tiere im Fernsehen auftauchen, weiß der etwas empfindlichere Zeitgenosse, was er zu gewärtigen hat: Es herrscht dann jene Exotik und Possierlichkeit, die das verklemmte schlechte Gewissen der Menschen gegenüber dem Tier verrät.

Da werden Tränen der Rührung über den Rückzug und Rückgang seltener Tiere in fernen Ländern vergossen, während ein Affe dem so jammernden Herrn über die Schulter turnt, und man verschweigt doch gleichzeitig damit, daß hierzulande schon lange das Sprichwort nicht mehr gilt, nach dem kein Spatz vom Himmel fällt, ohne daß es Gott gefiele.

Seit Horst Stern im Fernsehen des Süddeutschen Rundfunks seine „Bemerkungen“ über Rind, Pferd, Biene, Jagdhund, Schwein und Huhn veranstaltet, ist das anders geworden. Es mag sein, daß der erste Impuls für „Sterns Stunde“ im Fernsehen die Ansicht war, man müsse nach den vielen exotischen Paradiesvögeln und Südseefischen nun auch die Fremdheit uns scheinbar so nahestehender Tiere wie Biene, Kuh und Huhn zeigen. In der Tat, etwas von dem Programm „Dein Hund, das unbekannte Wesen“ steckt in Sterns Beobachtungen sicher drin.

Aber der 1922 geborene Journalist, der am Bodensee als freier Schriftsteller lebt, ist über derartige Kontrast-Banalitäten zu den übrigen Tierveranstaltungen des Fernsehens rasch hinausgekommen. Seine Sendungen zeigen viel mehr: Sie zeigen – und das ist wohl das aufregendste an ihnen –, wie wenig wir der Natur in der scheinbaren Natur noch Raum gelassen haben. Anders gesagt: wie wenig das Tier, das uns umgibt und dem wir doch gerne alle Attribute von ursprünglicher Natürlichkeit zubilligen, unverbildete Natur ist. Die Tiere als Produkt menschlicher Formgebung, das Pferd, ein Werk jahrhundertelanger Design-Bemühungen – das ist es, was in Sterns Tiersendungen deutlich wurde und wird.