Von Wolfgang Müller-Haeseler

Professor Franz Broich, Vorstandsvorsitzender der Chemische Werke Hüls AG, die am Vormittag die ersten Streiks bei der Tochtergesellschaft Bunawerke Hüls erlebt hatten, zeigte sich auf der Bilanzbesprechung seines Unternehmens erzürnt: „Es muß wieder die Erkenntnis reifen, daß kein Arbeitsplatz so sicher ist, wie man es gern hätte. Man kann nicht mehr verteilen, als man eingenommen, besser gesagt, erarbeitet hat.“

Der Landesausschuß der Arbeitgeber der Chemischen Industrie im Bezirk Nordrhein versuchte gleichzeitig in einer minuziösen Auseinandersetzung die gewerkschaftlichen Argumente für eine stärkere Lohnerhöhung zu zerpflücken, die über die von den Unternehmen seit dem 1. Juni gezahlten 6,5 Prozent Lohnzuschlag hinausgehen.

Zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Chemie zeigen sich die Unternehmer hart. Vor drei Monaten, am 31. März, lief der alte, von der IG Chemie gekündigte Tarifvertrag aus. Seither herrscht ein tarifloser Zustand, wobei sich die Arbeitgeber wohl darüber klar sind, daß auch die tariflosen Monate in den kommenden Tarifvertrag einbezogen werden müssen, wie er auch immer aussehen mag.

Für alle Beteiligten ist die Situation neu, denn seit rund 50 Jahren ist in der deutschen Chemie nicht gestreikt worden. Bei den Arbeitgeberverbänden und in den Verwaltungen der Chemieunternehmen macht man eine simple Rechnung auf: Die Kostensteigerungen der letzten eineinhalb Jahre haben den finanziellen Spielraum so weit eingeengt, daß Lohnsteigerungen zwangsläufig zu einer weiteren Minderung der Erträge führen müssen. Noch bevor die IG Chemie ihre Forderungen für die diesjährige Lohnrunde anmeldete, hatte Hoechst-Boß Rolf Sammet bereits für das kommende Jahr eine Dividendenkürzung in Aussicht gestellt. Und Bayer-Chef Kurt Hansen rechnet seinen Aktionären vor: „Nach einer zwölfprozentigen Lohnerhöhung und einem Aufwertungsverlust von rund fünf Prozent bleibt unter dem Strich nichts mehr übrig.“

Die Arbeitgeber drückt vor allem eins: Der Unterschied zwischen Tarif- und Effektivlöhnen scheint die Berechtigung der gewerkschaftlichen Forderung zu beweisen. Jetzt rächt es sich, daß sie im Vorjahr die sogenannte kostenneutrale Vorweganhebung der Löhne mehr oder minder widerstandslos akzeptiert haben, denn das Wort kostenneutral erwies sich als trügerisch. Tatsächlich sind von den fünf Prozent Vorweganhebung doch drei Prozent auf die tatsächlichen Lohnzahlungen durchgeschlagen, weil zahlreiche betriebliche Einzelvereinbarungen – wie etwa die Akkordzuschläge – auf den mit den Gewerkschaften vereinbarten Tariflöhnen basieren.

Da zudem die im Vorjahr vereinbarten Tariferhöhungen 1971 zum erstenmal für das volle Jahr gelten, ergibt sich zusammen mit der Gewährung vermögenswirksamer Leistungen und der Verbesserung gesetzlicher Sozialleistungen eine Mehrbelastung der Lohn- und Gehaltszahlungen von rund 6,5 Prozent. Zusammen mit den seit dem 1. Juni gezahlten Erhöhungen um 6,5 Prozent, die auf das Jahr umgerechnet etwa. vier Prozent ausmachen, werden die Unternehmen bereits rund zehn Prozent mehr für Löhne und Gehälter aufwenden müssen als 1970.