Vor einiger Zeit rief Frau Hilda Heinemann auf, für das Müttergenesungswerk Geld zu spenden. Sie erinnerte daran, daß es auch heute noch viele Mütter gibt, die in ihrem Leben nie ausspannen konnten. Im Fernsehen wurden Mütter mit mehreren Kindern gezeigt, die ihre erste Kur durch das Müttergenesungswerk gemacht hatten.

Meine Freundin und ich sahen ein, daß die Einrichtung des Müttergenesungswerkes eine sehr wichtige Sache ist, und als in unserer Schule gefragt wurde, wer sich für die Sammlung zur Verfügung stelle, meldeten wir uns. Wir bekamen eine Sammelbüchse und einen Karton voller Papierblumen. Wir überlegten uns, wo wir wohl das meiste Geld bekommen würden.

Zunächst gingen wir nachmittags vor die Geschäfte in den Einkaufsstraßen und gegen Abend vor einen U-Bahnhof. Ich hatte erwartet, daß ältere Leute mehr ins Portemonnaie greifen würden, weil sie aus Erfahrung wissen, wie schwer das Leben der Mütter ist. Deswegen glaubte ich auch, daß von den älteren besonders die Frauen spenden würden. Zu unserer Überraschung aber waren hauptsächlich junge Leute besonders großzügig. Manche Passanten, die wir ansprachen, beachteten uns gar nicht, Sie gingen in uns vorbei, als wären wir Luft. Außerdem verweigerten Frauen zwischen vierzig und fünfzig Jahren oftmals eine Spende mit der Begründung, daß sie als Mütter mehrerer Kinder auch nicht die Gelegenheit hätten, durch das Müttergenesungswerk Urlaub zu machen. Ich habe auch die Frage gehört, wer denn für diese Sache überhaupt in Betracht käme und wie und wo man sich melden solle.

Woher kommt solche Einstellung?

Ich habe gehört und gelesen, daß die Mädchen früher dazu erzogen wurden, die Mutterschaft und den Dienst für die Familie als das Wichtigste in ihrem Leben anzusehen und ihre eigenen Wünsche dagegen zurückzustellen. Viele merken jetzt wahrscheinlich, daß sie etwas versäumt haben und sind verbittert. Die Männer dagegen sind zum Oberhaupt der Familie erzogen worden, das immer das letzte Wort hatte. Ein Mann mußte sich den Wünschen der Familie also nie unterordnen, im Gegenteil, seine Wünsche standen im Mittelpunkt. So kommt es auch heute noch vor, daß ein Vater, der öfter im Jahr auf Geschäftsreisen ist, seinen Urlaub nur im eigenen Gärtchen verbringen möchte und deshalb auf den Wunsch seiner Frau, zu verreisen, einfach nicht eingeht.

Dennoch, ich meine, daß auch ältere Frauen ihr eigenes Leben mehr wahrnehmen und sich eine Erholung gönnen sollten. Die Kinder wollen ja eine ausgeruhte und fröhliche Mutter, und deshalb werden sie ihrem Vater oder einer fremden Hilfe das Leben nicht schwer machen, solange die Mutter zur Erholung verreist ist. Die Männer aber, die hauptsächlich an ihre Erholung denken, wenn es darum geht, zu bestimmen, wo der Urlaub verbracht wird, sollten mehr daran denken, daß auch ihre Frauen eine Abwechslung brauchen.

Ich finde auch, daß man in den Zeitungen oder im Fernsehen nicht nur erklären sollte, daß und warum es wichtig ist, die Einrichtung des Müttergenesungswerkes aufzubauen und zu erhalten, sondern es müßte auch gezeigt werden, auf welchem Wege die Mütter ihr Recht auf Erholung wahrnehmen können.