ARD, Sonntag, 27. Juni: „Kennen Sie Georg Linke?“ Fernsehfilm von Rolf Hädrich und Dieter Meichsner

olksfernsehen geht vorauf, die Frage an Schulze, Meyer, Müller, Lehmann, gestellt im Vorübergehen auf der Straße, wobei nichts dargestellt ist: „Kennen Sie Georg Linke?“ „Nee!“ „Und Sie?“ „Äh ...“ „Und kennen Sie Georg Linke?“ „Den Musiker?“ Keiner kennt Linke, Georg. Ein Volksstück, das die Dimensionen des Volksstücks sprengt, kann beginnen; und „Stück“ ist nur Verlegenheitswort.

Berlin kommt ins Bild, doch nicht wohl das Berlin-Weh-Weh, wo den ach-wie-tollen zwanziger Jahren nachgeweint wird, und auch nicht jenes Hinterhof-Berlin, wo Zilles Epigonen um Mülleimer geistern. Jost Vacano, der Kameramann, hat genau gezielt: Straßen ohne Ku-Damm-Attitüde, Perspektiven, frei vom Fremdenverkehrsprospekt, Fassaden, hinter denen die Wahrheit wohnt, die Stadt, in der man zu Hause ist. Ehrliche Bilder signalisieren den ehrlichen Film.

Die Story ist einfach und vielbödig zugleich. Ein Tischler, der sein Handwerk versteht, VW-Fahrer, wird in seinem Arbeits- und Familienalltag beobachtet, im Betrieb, auf der Baustelle, im Urlaub, in der Badewanne auch. Er lebt nicht schlecht; aber er lebt nicht dahin. Er könnte Georg Linke gewesen sein.

Zwei Stunden, bevor die Baader-Befreier nach Dillinger-Art um sich feuerten, war er in jenem Institut für soziale Fragen gewesen, in dem Georg Linke angeschossen wurde, Leber-Steckschuß. Fiktion wird nahtlos in Realität übergeführt. Das Institutsgebäude (man sieht’s im Film, und das nimmt der Ironie die Aufdringlichkeit) könnte man durchaus mit einem Altersheim verwechseln. Eine Bibliothek in einem Altersheim soll getischlert werden. Deshalb war der Tischler dort. Die Ausschreibung, an der sich seine Firma beteiligte, ist Kleinkrieg, ausgetragen auf einem Boden, dessen Handwerker-Gold längst abgeschabt ist. Man erhält den Auftrag, oder man geht pleite-kaputt.

Eine durchaus nicht hämische und deshalb exakte Parabel auf den Kapitalismus, mit dem man dezimalstellengenau rechnen muß, steckt in der Story. Berlin baut schief und krumm. „Als wenn der Bulle pißt“, sind die Wände im Neubau gezogen; der derbe Satz ist gang und gäbe unter denen, die das korrigieren sollen. Und so sitzen sie in ihrem Büro-Verschlag, gleich neben der Werkstatt, und kalkulieren tausend Mark um tausend Mark herunter: „Unsere Sicherheit, die hab’ ich gleich draußen gelassen, fünf Prozent.“ Am Ende erhalten sie den Zuschlag, Stempel drauf; aber sie haben doch verloren: Vierzigtausend mehr hätten sie fordern können.

Irgendein Literaturpapst, Friedrich Sieburg, meine ich, hat einmal gesagt: „Die Nacherzählung ist das höchste Lob des Rezensenten.“ Hier möchte man nacherzählen: Wie der Mann aus Berlin, der gemütliche Dicke, der sich ungemütlich fühlt, mit der Frau, die ein bißchen sein Gewissen übernommen hat, die freie, heile Welt der Hochalpen erlebt, wie sich in Skihütten-Spaß der Ernst des gefährdeten Lebens drängt (was weit weniger pathetisch gezeigt wird, als es sich anhört), wie die Kinder lieb und die Alten schwierig sind, wie eine auf den ersten Blick unverbesserliche Familie zum Gleichnis für gesellschaftliche Phänomene und Probleme wird,