Ich würde über die soziale Funktion der Philosophie sagen: Nicht zu vergessen, daß irgend etwas, was uns absolut, erscheint, von einem anderen Standpunkt aus relativiert werden kann; sich dem Glauben an eine vollkommene Synthese alles Seienden oder aller Werte zu widersetzen; nie die Hoffnung preiszugeben und nie das Denken durch die Hoffnung zu ersetzen.“ – Es ist gut, an diesen Satz Kolakowskis zu erinnern, wenn man sein nun erschienenes Buch zur Hand nimmt:

Leszek Kolakowski: „Geist und Ungeist christlicher Traditionen“; Kohlhammer T-Reihe; Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1971; 150 S., 9,80 DM

eine Sammlung von Aufsätzen und Reden, die – mit einer Ausnahme – in den Jahren 1962 bis 1969 bereits in Polen erschienen und jetzt ins Deutsche übertragen worden sind.

Jener Satz erweist sich als passender, als idealer Schlüssel zum philosophischen, politischen, literarischen und religionskritischen Denken Kolakowskis.

Dieses Bekenntnis, diese Position der Offenheit demonstriert – exemplarisch – noch einmal die neue Schrift: In den „Kleinen Thesen de sacro et profano“ diagnostiziert Kolakowski für die polnische Intelligenz einen Konflikt von „besonderer“, „zentraler Bedeutung“ zwischen einem „laizistischen sozialistischen Humanismus und der katholischen Welt“. Durch die Trennung von Staat und Kirche, genauer: infolge der Domestizierung der Kirche durch den Staat, ist der Katholizismus weitgehend der Gefahr entgangen, „primitiv, fanatisch, finster, kulturell steril zu sein“. („Man kann sagen, daß die sozialistische Regierung Polens der Kirche in gewissem Sinn einen Dienst erwiesen hat...“)

Durch eine bestimmte historisch-politische Entwicklung ist – verkürzt gesagt – die Chance für einen „offenen Katholizismus“ sichtbar geworden, der – gegen die institutionelle Kirche gewendet – „die... Umwandlung fanatischer und intoleranter Katholiken in tolerante und aufgeklärte“ erreichen könnte, um der „banalsten Tatsache“ zu entsprechen, die für Gläubige wie Nichtgläubige gleichermaßen gilt, nämlich „derselben Gesellschaft, derselben Kultur und derselben Tradition anzugehören“.

Wie groß diese Chance ist, im heute pragmatisch gewordenen Polen, dazu muß freilich auch die spezifische Situation der polnischen Kirche, ihre Sonderstellung, ihre für die Nation wichtige Integrationsfunktion mitgesehen werden. Nationale Einheit hieß dort in der Vergangenheit einfach ja nur kirchliche Einheit.