München

Manchmal erinnert er sich, manchmal erinnert er sich nicht. Meistens erinnert er sich, nicht. Wenn er sich doch erinnert, dann meistens an das, was er nicht getan, gesagt, wahrgenommen hat. Die schlichten deutschen Worte ja oder nein kommen ihm selten über die Lippen. Es zeugt der Zeuge Zimmermann, Dr. Friedrich Zimmermann (46), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, Kontrolleur des Zweiten Deutschen Fernsehens, einst jahrelang Generalsekretär der CSU, Rechtsanwalt mit eigener Praxis und gleichzeitig bayerischer Staatsbeamter, Akteur in diversen zweifelhaften Affären, geprüfter Jäger (1959) und Marianer des Deutschen Ritterordens (1958), sowie auch Träger des bayerischen Verdienstordens und nach dem Urteil der Süddeutschen Zeitung ein „schwarzes Schaf unter Schwarzen“.

Im makellosen grauen Anzug mit korrekt gebundener Streifenkrawatte, die Braune fernöstlicher Sonne im Gesicht, sitzt er im lederbezogenen Zeugenstuhl im Zimmer 167 im ersten Stock des Münchener Justizpalastes. Er sitzt straff aufgerichtet, aber mit Schlagseite nach rechts. Hoch über ihm thront der Vorsitzende der 8. Zivilkammer des Landgerichts München I, Landgerichtsdirektor Dr. Speyerer. Beweisaufnahme im Hauptsacheverfahren CSU gegen das Magazin stern. Es geht darum, ob die CSU im Jahre 1957 durch ein kriminelles Komplott in Bayern an die Macht kam, ob der heutige Zeuge Zimmermann damals als CSU-Generalsekretär einen Mann dazu gekauft hat, durch einen Meineid mißliebige Politiker der Bayernpartei zu ruinieren, ob der inzwischen gestorbene damalige CSU-Landesvorsitzende und Ministerpräsident Hanns Seidel der Auftraggeber Zimmermanns gewesen ist, ob Franz Josef Strauß in die Angelegenheit verstrickt ist, ob Zimmermann zwei Meineide schwor. Alle diese Behauptungen wurden im vergangenen Jahr dem Stern durch einstweilige Verfügung untersagt. Nicht untersagt wurde dem Blatt die Behauptung, der CSU-Generalsekretär Zimmermann habe einem inzwischen verstorbenen Fischbrater namens Freisehner im Auftrag des Ministerpräsidenten Seidel eine bayerische Spielbankkonzession für den Fall versprochen, daß dieser Material liefere gegen die Bayernpartei und gleichzeitig durch eine Selbstanzeige ein Meineidsverfahren in Gang bringe gegen zwei Prominente der Bayernpartei.

Der ganze schwarze Spielbanksumpf der fünfziger Jahre speit stinkende Blasen in den Gerichtssaal. Was war das für ein weiß-blauer Freistaat christlicher Prägung, in dem ein Spielbankinteressent ans Innenministerium schrieb und die Antwort aus der CSU-Landesleitung bekam? Beweis für die „führende Rolle der Partei“? Was war das für ein Staat, der einen Münchner Rechtsanwalt ins Irrenhaus bringen ließ, als er in Spielbanksachen unbequem wurde, um ihn schließlich mittels einer sechsstelligen Abfindung zum Schweigen zu bringen? Das Schlagwort von der bayerischen Spezi-Wirtschaft erlangte damals geradezu legendären Ruf.

Sie treten auf und wieder ab und vermehren die Widersprüche. Die Zentralfigur unter den Zeugen bleibt Friedrich Zimmermann. Folgt man seinen Worten, begab er sich einst ins Salzburger Hotel Pitter, um dort den Fischbrater Freisehner zu treffen.

Da fuhr er also ins schöne Salzburg, der Friedrich Zimmermann. Gegenleistungen für Herrn Freisehners Angebot habe er natürlich nicht versprochen. Davon sei nicht einmal die Rede gewesen. Nein, Freisehner habe ihm lediglich von seinem Belastungsmaterial erzählt und dann sozusagen allgemein die Geschichte der bayerischen Spielbanken. So harmlos ging’s zu in Salzburg. Zeuge Zimmermann auf Vorhalt: „So wie Freisehner auf der einen Seite seine Selbstanzeige in Aussicht stellte, mußte ich nicht alarmiert sein, daß auf der anderen Seite von Konzessionen geredet wurde. Freisehner machte auf mich den Eindruck echter Reue.“

Leider hat aber ein Bekannter Freisehners, seiner Aussage zufolge, das Gespräch in Salzburg teilweise mitgehört. Er bekundete, er habe gehört, wie Zimmermann gesagt habe, er sei im Auftrag des Ministerpräsidenten da. Zimmermann dazu: „Das kann sein, daß ich gesagt habe, daß der bayerische Ministerpräsident weiß, daß ich hier bin. Dr. Seidel war schließlich als Landesvorsitzender der CSU mein unmittelbarer Vorgesetzter.“ Bei den Gerichtsakten protokolliert ist eine Aussage, wonach Zimmermann von „bester und unauffälligster Entschädigung“ geredet haben soll. Zimmermann: „Sicher nicht im Zusammenhang mit Material.“ Bevor ihn das Erinnerungsvermögen an das Treffen im Stich läßt, fällt ihm etwas ganz Präzises ein: „Unser Gespräch wurde nicht laut geführt. Das Lokal war sehr schwach besetzt. Mir wäre aufgefallen, wenn jemand in unmittelbarer Nähe von uns gesessen hätte.“