Von Peter Grubbe

Am Sonnabend wählt Indonesien ein neues Parlament – das zweite Mal erst in der zwanzigjährigen Geschichte des Landes. Zum ersten Mal gingen die Bürger 1955 zur Urne. Drei Jahre später löste Präsident Sukarno das Parlament wieder auf; es störte ihn beim Regieren. Jetzt unternimmt das größte Inselreich der Welt einen zweiten Anlauf zur Demokratie.

Es gibt rund 57 Millionen Wähler, etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die andere Hälfte ist zu jung; viele dürfen nicht wählen, weil sie Kommunisten waren. Neun Parteien mit über 3000 Kandidaten bewerben sich um die Stimmen. Aber im Grunde geht es bei der Wahl nur um einen Mann: um Präsident Suharto, den „lächelnden General“, der Sukarno stürzte und der sein Land seit dem mißglückten kommunistischen Putsch vom 30. September 1965 mit Hilfe des Militärs regiert.

„Pak Harto wird dort drüben sitzen“, erklärt einer der jungen Offiziere aus dem Informationsministerium die Sitzordnung bei der offiziellen Eröffnung des Wahlkampfes. „Pak“ Harto heißt „Vater“ Harto. Suhartos Vorgänger Sukarno hatte sich von seinen Landesleuten gern „Bung“ Karno nennen lassen, zu deutsch. „Bruder“ Karno. Schon hier wird einer der Unterschiede deutlich: Mit seinem Bruder macht man Dummheiten, heckt Streiche aus, erlebt Abenteuer; der Vater sorgt dann dafür, daß die Dinge wieder in Ordnung kommen.

Sukarno, der sein Land fünfzehn Jahre lang regierte, war von Beruf Ingenieur, aber er wirkte oft wie ein General, liebte Uniformen und Orden, hielt gern Ansprachen und gab gern Befehle. Suharto ist General, doch hält man ihn eher für einen Ingenieur oder einen Lehrer. Er spricht leise. Wenn man ihn etwas fragt, zögert er, vorsichtig das Risiko abwägend, mit der Antwort. Er fällt nicht auf, gilt als schüchtern, vielfach sogar als unsicher.

– Doch wer Suharto aufmerksam beobachtet, der sucht bei ihm vergebens nach Zeichen von Unsicherheit. Seine Freunde und vor allem seine Gegner wissen, daß er ein gefährlich guter Zuhörer ist. Er kann stundenlang schweigen, zuhören und seine Gedanken hinter einem Lächeln verbergen, das er wie eine javanische Tanzmaske vor dem Gesicht trägt. Er lächelte zweieinhalb Jahre lang, während er mit Präsident Sukarno um die Macht rang. Es wäre unjavanisch gewesen, Sukarno abrupt und gewaltsam zu stürzen. Suharto wartete, bis Sukarno sich im Spiel um die Macht durch seine Eskapaden selber stürzte, und lächelte dabei.

Er lächelt auch heute – wenn man ihn etwa nach dem Schicksal der 58 000 Kommunisten fragt, die seit fünf Jahren ohne Prozeß gefangengehalten werden. Sie seien zu ihrem eigenen Schutz in den Lagern, sagt er mit gewinnendem Lächeln, damit die Bevölkerung sie nicht umbringe; denn die Bevölkerung hasse die Kommunisten.