Von Werner Fud

Man kann nur annehmen, daß die Entscheidung über eine Veröffentlichung des Buches

„Albrecht Dürer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, dargestellt von Franz Winzinger; rm 177, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 158 S., 3,80 DM

von freundschaftlicher Verbundenheit mit dem Autor oder ähnlichen karitativen Gefühlen, jedenfalls nicht von Sachkenntnis oder wissenschaftlichen Verantwortung beeinflußt wurde. Anders wäre die Tatsache, daß 1971 ein solcher Text gedruckt werden kann, nicht zu verstehen.

Von der Sprache muß. man wohl absehen: Es gibt kaum einen Kunsthistoriker, der sich eines blumig-verschwommenen Stils enthielte, wenngleich nicht allzu viele so sehr in den Jargon eines drittklassigen Fremdenführers verfallen wie Winzinger: Bei Dürer sei „noch die unbedeutendste Linie von einer beispiellosen Kraft der Empfindung durchblutet“, oder: „Alles an seiner Kunst ist von herber Männlichkeit

Wesentlich erscheint dagegen die aus dem ganzen Text sprechende Ideologie, die im ersten Satz unmißverständlich auftritt: „Im Werk Albrecht Dürers ist es am anschaulichsten ausgesprochen, was deutsche Kunst, ja, was deutscher Geist überhaupt ist.“ Wenn Winzinger im folgenden schreibt, er wolle versuchen, „neue Wertungen zu finden“, aber im ganzen nur das wiederholt, was ab 1871 und besonders nach 1933 schon deutlich genug gesagt worden ist, dann ist dies – symptomatisch für den ganzen Text – eine hohnvolle Diskrepanz zwischen Anspruch und Leistung.

Dürer: das ist im wesentlichen synonym mit „deutsch“. Die „Apokalypse“ steht stellvertretend für die ganze deutsche Kunst“; in „Ritter, Tod und Teufel“ sahen mit dem Verfasser auch die Nazis den „deutschesten aller deutschen Stiche“; „Adam und Eva“ sind – „trotz aller italienischer Gebärde“ – eine „ausgesprochen deutsche Schöpfung“; ein Stich offenbart ein „ausgesprochen nordisch-deutsches Formgefühl“; und was „deutsch“ bedeute, wird nicht verschwiegen: „eindeutig, durchsichtig, lauter“, mit „hohem sittlichem Ernst“ gezeichnet, durchweg „wie von innen heraus geformt“, wobei besonders der „düstere, bohrende Ausdruck sehr deutsch wirkt. Wenig deutsch dagegen erscheint der Intellekt: Der Stich „Melancholie“ leidet an geistiger Überanstrengung – ihm fehlt „jene Naivität, die stets große, ewige Kunst auszeichnet“. So ist es für den Verfasser nur logisch, daß Dürers Portrat des Erasmus nicht gelingen konnte: „Die ganze Art dieses kühlen, abstrahierenden Geistes muß ihm wesensfremd gewesen sein.“