Nun ist es also wieder soweit. Draußen auf der Rennbahn in Hamburg-Horn wird das Deutsche Derby gestartet, wohlgemerkt zum hundertundzweiten Male. Die Beteiligung an der Derby-Woche, die seit dem letzten Wochenende läuft, ist sehr erfreulich. Alle unsere großen Ställe sind natürlich vertreten, dazu kommen Pferde aus Dänemark, England, Schweden und Ungarn. Im Derby selbst reiten acht englische Jockeis, was hinsichtlich der Einschätzung des Könnens unserer Reiter zu denken gibt.

Nach dem Gewinn des Union-Rennens, der traditionell bedeutendsten Vorprüfung zum Derby, stand als Favorit für Hamburg Gestüt Buschhofs „Florino“ (Espresso–Forelle) an der Spitze aller Dreijährigen vor der (längere Zeit hindurch kranken) Stute „Widschi“ (Dschingis Khan–Wildotter) aus dem Gestüt Röttgen. Dann schob sich plötzlich der Hengst „Tangelo“ (Chief–Tollkirsche) des Gestüts Atlas in der Gunst des Wettpublikums nach vorn. Er war Zweiter im Henckel-Rennen und gewann in Bremen das Consul-Bayeff-Rennen, immerhin eine 50 000-Mark-Prüfung. Warum plötzlich diese Favoritenrolle, kann niemand mit Bestimmtheit sagen, zumal das Bremer Rennen nur über 1600 Meter führte, allerdings bei äußerst schwerem Boden. Aber ob das tiefe Geläuf die für das Derby (2400 Meter) fehlenden 800 Meter aufwiegt? Vielleicht ist der Wunsch, daß es endlich auch einmal einem Hamburger Rennstallbesitzer und Züchter gelingen möge, ein Derby zu gewinnen, der Vater des (Wett-)Gedankens. Denn Tangelo ist gezüchtet und im Besitz des hanseatischen Kaufmanns Richard Lehmann und sein Trainer ist zudem Hein Bollow, auch ein echter Buttje. Wie aber wird Basileus der Gräfin Batthyany sich verhalten? Um ihn schwebt ein großes Geheimnis.

Daß die Siegerliste des Deutschen Derbys in seiner hundertjährigen Geschichte auch den Namen eines Hamburgers verzeichnen möge, ist verständlich. Dann wäre es aber jetzt dazu die allerhöchste Zeit. Denn wer weiß, ob der Hamburger Renn-Club im nächsten Jahr noch diese wichtigste Leistungsprüfung unserer Vollblutzucht veranstalten kann. Die Zeichen stehen schlecht: Zwar hat der Club für 1972 vorsorglich noch das Derby ausgeschrieben, doch woher das Geld nehmen, um die Rennwoche auszurüsten? In der Kasse des Clubs herrscht Ebbe, und um diese Tatsache dreht sich momentan alles. Unnötig, noch einmal Schuld oder Unschuld an der katastrophalen Lage des Vereins abzuwägen, eigene große Fehler und Versäumnisse aufzuzählen, die ihn dahin geführt haben, wo er heute steht. Was nützt das? Man muß sich endlich etwas Vernünftiges einfallen lassen, vor allem mit eigenen Vorausleistungen aufwarten, wenn man an die Hilfe anderer appelliert.

Der Senat der Freien und Hansestadt will schon helfen, die Dinge in Ordnung zu bringen. Hauptsache ist, daß das Gelände von Horn ganzjährig genutzt wird und nicht nur an fünf Tagen des Jahres, eben zum Derby. Zuerst dachte der Senator für Ernährung und Landwirtschaft, Wilhelm Eckström, an ein pferdesportliches Zentrum für Hamburg, das alle vereinen sollte. Der Renn-Club könnte dann auch eine Trainingszentrale einrichten, die allerdings umstritten ist.

Wir möchten an einen Erfolg immer noch glauben, wenn das alles nur richtig angepackt wird. Horn sollte ruhig für Galopp- und Trabrennen hergerichtet werden, was durchaus möglich ist. In anderen Ländern gibt es solche kombinierten Rennbahnen schon seit langem, und sie erfreuen sich großer Beliebtheit. Dieses Projekt aber scheint zum Scheitern verurteilt zu sein, und zwar an dem Widerstand gewisser Traberfreunde. Vielleicht könnte man aber die Traber doch mit leichtem Druck zwingen, mitzumachen. Man vergißt allzu leicht, daß die Totoanteile Staatsmittel sind, zurückvergütete Steuern, mit denen die Regierung, auf die man angewiesen ist, sofern man Rennen mit Totobetrieb machen will, schon operieren könnte.

Dann überraschte Herr Eckström die Öffentlichkeit mit einem weiteren Plan. Ein amerikanisches Konsortium wollte in eigener Regie Galopp- und Trabrennen in Horn veranstalten, ein Gedanke, der gar nicht so dumm ist, wie manche Leute meinen. Die nötigen Formalitäten, auch mit den Rennbehörden und vor allem der Steuerbehörde, wären nicht schwer zu erledigen. Der Hamburger Renn-Club würde gewiß einen Weg zur Zusammenarbeit finden.

Und nun hörte man, unmittelbar vor dem Derby, von einem zweiten amerikanischen Projekt, durch das Horn und das Derby für Hamburg gerettet werden könnte.