Düsseldorf

Der Mann der ersten Stunde ist noch längst nicht der erste Mann. Etwas voreilig hatte Horst-Ludwig Riemer, stellvertretender FDP-Vorsitzender von Nordrhein-Westfalen, Anfang Juni in Paris den Rücktritt seines Parteichefs Willi Weyer ausgeplaudert und sich der verblüfften Öffentlichkeit sogleich als Nachfolger präsentiert. Inzwischen hat der 38jährige Vize Konkurrenten bekommen. Vier Namen werden augenblicklich in Düsseldorf offen genannt: Neben Riemer der parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Wolfram Dorn, der Landesschatzmeister Otto Graf Lambsdorff und der Kölner FDP-Kreisvorsitzende Gerhart Baum.

Zwei dieser Konkurrenten braucht Riemer nicht ernsthaft zu fürchten: Sowohl Lambsdorff, im Privatberuf Bankdirektor, als auch Baum, der häufig als Sprecher des linken Parteiflügels bezeichnet wird, haben kaum Aussichten, die Nachfolge Weyers anzutreten. Sie haben sich zu wenig in der Vergangenheit profiliert, um von 1972 an den mitgliederstärksten FDP-Landesverband führen zu können: Sie haben sich weder in der Landespolitik noch in der Bundespolitik besonders hervorgetan.

Anders verhält es sich bei Dorn. Der Staatssekretär hatte sich über den Kreistag des Landkreises Altena (Westfalen) und den Landtag in Nordrhein-Westfalen bis zur Fraktionsspitze im Bundestag hochgearbeitet, bevor er im Oktober 1969 seine jetzige Aufgabe im Bundesinnenministerium übernahm: Die nordrhein-westfälische Parteiszenerie ist dem 47jährigen Liberalen nicht unbekannt.

Noch hat Dorn seine Kandidatur offiziell nicht angemeldet. Bisher hat er lediglich in einem Schreiben an Weyer um ein Gespräch gebeten. Er will, daß die Parteinachfolge erst unter Freunden im Landesvorstand eingehend besprochen, werden soll, bevor die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen wird. Hinter dieser Modalitäten-Frage scheint jedoch mehr zu stehen: Dorn hat zu erkennen gegeben, daß er unter Umständen sich selbst um den Landesvorsitz bewerben wolle.

Dorn muß für seine Kandidatur Zeit gewinnen, da er im Landesverband über keine feste Hausmacht verfügt. Deshalb ist es zunächst für ihn wichtig, die Stärke seines jetzigen Anhangs in Nordrhein-Westfalen zu prüfen. Der FDP-Politiker galt früher als „Rechter“, bis er sich durch seine Beiträge zur Notstandsgesetzgebung in den Jahren 1967/68 als „Progressiver“ hervortat. Seitdem genießt Dorn auf dem linken Flügel seiner Partei Sympathien. Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, daß außer von verschiedenen Kreisverbänden der Vorschlag für seine Kandidatur auch von Jungdemokraten kommt.

Die Wahl Dorns wäre sicherlich eine politische Prognose. Seit einiger Zeit wird Willi Weyer von den Jungdemokraten gedrängt, eine programmatische Zukunftsaussage für die Bundestagswahl 1973 zu machen, indem er die Fortsetzung der sozialliberalen Koalition verspricht. Doch Weyer, der die Aktivität der Judos mit Mißtrauen und sogar mit Ablehnung verfolgt, widersetzt sich dieser Forderung standhaft. Die Taktik des FDP-Chefs in jüngster Zeit zeigt sogar eher das Gegenteil. Auf dem Landesparteitag im April in Dortmund machte Weyer einer von Gerhard Schröder geführten CDU stark beachtete Avancen.