Von Georg Herman

Ich kenne die Familie F. noch von Europa her. Der Mann war Werkmeister in der Tabakfabrik, die Frau Zuschneiderin in einem Konfektionsbetrieb. Vor fünfzehn Jahren wanderten sie mit ihrer Tochter – jetzt 18 Jahre alt – nach Kalifornien aus.

Hier in Los Angeles ist der Mann Maschinenarbeiter in einer Metallwarenfabrik, hat einen Stundenlohn von 3,52 Dollar; seine Frau arbeitet als Näherin in der Kleiderabteilung eines Großkaufhauses für 2,12 Dollar die Stunde. Die Tochter schloß kürzlich die Mittelschule ab und wird im Herbst in einem Junior College weiterlernen. Sie leben zufrieden, haben drei Autos, ein kleines Häuschen mit Garten. Sie verdienen zusammen jährlich genau 11 747,60 Dollar, ja sogar bis 14 000 Dollar – freilich brutto – wenn Herr F. genügend Überstunden macht.

Im Jahre 1970 erreichte das mittlere Familieneinkommen in den Vereinigten Staaten 9870 Dollar. Da die kalifornischen Verdienste 18 Prozent darüber liegen, ergibt dies fast auf den Cent genau den Normalverdienst der Familie F. Ein statistisches Musterbeispiel also des märchenhaften kalifornischen Lebensstandards. Sie können daher mit vollem Recht zufrieden sein. Oder?

Auf der Suche nach dem amerikanischen Lebensstandard verstärkt sich immer mehr mein Eindruck, daß er nicht so sehr märchenhaft, sondern eher ein Märchen ist.

Es klingt vielleicht phantastisch, daß drei Autos vor dem Haus der dreiköpfigen Arbeiterfamilie F. parken, in Wirklichkeit ist es kein Zeichen ihres Wohlstandes, eher das ihres Elends. Es ist die Folge der weiten Entfernungen zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, sowie des Fehlens eines auch nur minimal ausreichenden öffentlichen Verkehrssystems. Wenn sie keinen Wagen hätten, würden sie täglich vier bis fünf Stunden brauchen, um mit Autobussen an den Arbeitsplatz und wieder nach Hause zu gelangen.

Also mußten sie sich einen Wagen anschaffen: zuerst der Mann einen alten gebrauchten Ford für 50 Dollar, in den er noch 450 Dollar hineinstecken mußte, um ihn zum Fahren zu bringen – die Fabrik liegt 35 Kilometer weit entfernt. Frau F. stand um 5 Uhr auf, brachte das Haus rasch in Ordnung, machte Frühstück, ging eine viertel Stunde zur nächsten Autobushaltestelle, wartete zehn bis zwanzig Minuten (der Bus verkehrt nur halbstündig, und der Fahrplan wird nicht eingehalten), stieg dreimal um, mit Anschlüssen, die nicht aufeinander abgestimmt sind. Sie erreichte das Warenhaus in der Innenstadt knapp vor 8 Uhr. Auch die Rückfahrt dauerte zwei bis zweieinhalb Stunden, und wenn sie noch einkaufen mußte, war es fast 8 Uhr, bis sie abends wieder nach Hause kam.