Von Heinz Michaels

In der vierten Etage des Frankfurter Gewerkschaftshauses brennt das Licht bis in die späten Nachtstunden. Jeden Abend versammelt hier Franz Fabian, Bezirksleiter der Industriegewerksschaft Chemie-Papier-Keramik für Hessen, seine Mitarbeiter und die Streikleitung des Bezirks, um die Arbeitskampftaktik für die nächsten Tage festzulegen.

Seit dem 14. Juni versuchen Fabian und seine Mitstreiker, ihre Lohnforderung von mindestens 120 Mark im Monat mit einer neuartigen Taktik gewerkschaftlicher Kampfmaßnahmen durchzusetzen. Im Bezirk Nordrhein – hier liegt die letzte Forderung bei neun Prozent – dauern die Aktionen schon zehn Tage länger an; in Hamburg und Westfalen ging der Tanz in der letzten Woche los.

Schon lange bevor die ersten Tarifverträge zum 31. März dieses Jahres gekündigt waren und Forderungen der Gewerkschaft auf dem Tisch lagen, hatten sich die Arbeitgeber diesmal auf die Möglichkeit eines Streiks vorbereitet. Als die Bundesregierung zu Beginn des Jahres ihre konjunkturpolitischen Orientierungsdaten vorlegte, meldete sich sogleich der Arbeitsring Chemie zu Wort: Für die chemische Industrie sei die in den Orientierungsdaten genannte Erhöhung der Effektivlöhne um sieben bis acht Prozent angesichts der schlechten Ertragslage zu hoch. (Siehe auch den nebenstehenden Bericht).

Die Arbeitgeber vereinbarten Liefer- und Beistandsabkommen für bestreikte Firmen, überprüften die Ausgleichskassen der Verbände und warnten ihre Kunden. So riet die Firma Riedelde-Haen AG ihren Kunden am 15. März, sich mit Vorräten für acht Wochen einzudecken, weil sie mit der Möglichkeit rechne, „daß bei den jetzt anstehenden Tarifverhandlungen in der chemischen Industrie ernste Auseinandersetzungen, also unter Umständen auch ein Streik, nicht mehr vermieden werden können“.

Die Arbeitgeber glaubten sich gerüstet. Doch als am 14. Juni für Hessen die letzte tarifvertraglich vorgesehene Schlichtungsverhandlung gescheitert war, beschloß der Hauptvorstand der IG Chemie einen Arbeitskampf neuer Art. Und ohne weitere Präliminarien begannen die Chemiearbeiter mit Protestdemonstrationen in den Betrieben, mit stundenweisen Sitzstreiks, mit Langsamarbeit. Für vier Betriebe mit 650 Arbeitern wurde ein befristeter Vollstreik proklamiert.

So zogen vor den Werktoren des Folien fabrikanten Kalle in Wiesbaden Streikposten auf, und die Schmelzöfen der Degussa-Betriebe blieben kalt. Auch die Chemiearbeiter des Glanzstoff-Werkes in Kelsterbach wollten in dieser Situation nicht zurückstehen. Bezirksleiter Fabian mußte seine ganze Überzeugungskraft aufwenden, um den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten im Betrieb klarzumachen, daß sie erst später an der Reihe seien. Als bei Kalle und Degussa die Produktion wieder anlief, schlossen sich am Donnerstag letzter Woche dann die Glanzstoff-Tore – befristet.