Von Helen von Ssachno

Beim sowjetischen Schriftstellerkongreß in dieser Woche in Moskau scheint sich etwas Ähnliches zuzutragen wie beim vierten vor nunmehr vier Jahren. Damals war es Alexander Solschenizyns offener Brief, den er den Veranstaltern des Kongresses geschrieben hatte und der alsbald seinen spektakulären Weg um die Welt nahm. Während die Verbandsfunktionäre ihre profillosen Rechenschaftsberichte verlasen, wurde hinter den Kulissen über diesen Brief diskutiert.

Diesmal ist es Solschenizyns dreiteiliger Roman „August 1914“, dessen erster Band soeben und mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors im Pariser Verlag YMCA-Press erschienen ist und nächstes Jahr bei Luchterhand, der die Weltrechte erhalten hat, auf deutsch herauskommen wird. Keine Frage, daß das Ereignis seinen Schatten nach Moskau auf den Schriftstellerkongreß werfen wird.

Die Ursache dafür liegt tiefer. Solschenizyn, der graue Riese der Sowjetliteratur, ist aus dem Kulturleben seines Landes ja nicht mehr wegzudenken – und er selber scheint das auch zu wissen, „August 1914“ nämlich ist, wie es der Verfasser ausdrücklich gewünscht hat, in Paris auf russisch veröffentlicht worden, in einer Auflage von 20 000 Exemplaren: eine symbolische Geste an den russischen Leser, für den dieser Roman bestimmt ist und den er sich, wenn überhaupt, nur illegal verschaffen kann. Aber Solschenizyn zweifelt nicht daran, daß er einen längeren Atem hat als seine Zensoren, daß also sein Roman den russischen Leser erreichen wird.

Er ist sich freilich auch sicher, daß er einen Auftrag erfüllt. Und nur aus dieser Perspektive eines ausgeprägten Selbstbewußtseins ist die Konzeption des Werkes zu verstehen, das aus drei Bänden – Solschenizyn gebraucht dafür den sonderbaren Ausdruck „Knoten“ – bestehen soll. Mit literarischen Kriterien allein ist es also nicht getan, und das aus folgenden Gründen.

Solschenizyn sagt in seinem Nachwort, daß er mit seinem Roman das „Hauptthema“ der jüngsten russischen Geschichte aufgreife, das von der älteren Schriftstellergeneration nur oberflächlich behandelt worden sei. Er will also nachholen, was andere versäumt haben. Überdies bekennt er, daß ihn dieses Thema seit 1936, dem Jahr seines Schulabschlusses, unablässig beschäftigt habe und daß alles andere, was er bisher geschrieben hat, sich nur aus den Besonderheiten seines persönlichen Schicksals und dem ungeheuren Druck der Zeit erklären lasse.

Soll also „August 1914“ beweisen, daß seinem Verfasser, dem man von offizieller Seite vorwirft, vom antistalinistischen Trauma und damit von verzerrenden Perspektiven nicht loszukommen, auch andere Themen zur Verfügung stehen? Daß er neben einer politischen auch eine ästhetische Mission zu erfüllen hat? Daß er, was viele in Frage stellen, auch dann ein ernst zu nehmender Künstler ist, wenn nicht mehr sein persönliches Schicksal die unmittelbare Erfahrungsquelle seines literarischen Schaffens darstellt?