"August 1914" ist also ein Roman, der Geschichte zum Inhalt hat, und laut Solschenizyn behandelt er sogar das Hauptthema der jüngsten russischen Geschichte. Da es aber Romane über den Ersten Weltkrieg in beträchtlicher Anzahl gibt, auch solche, die diesen Krieg und die Revolution in den unerläßlichen geistesgeschichtlichen Zusammenhang bringen: Was also deutet Solschenizyn aus der militärischen Niederlage des Generals Samsonow in der Schlacht von Tannenberg in Ostpreußen, die im Mittelpunkt des ersten "Knotens" steht, heraus? Was ist anderen Autoren entschlüpft und hat dennoch Anspruch darauf, einen auf die Gegenwart bezogenen Umdenkungsprozeß einzuleiten?

Wird in Solschenizyns Geschichtsumdeutung – und darauf läuft es letztlich doch wohl hinaus – die Oktoberrevolution einbezogen? Oder soll hier, mit den epischen Mitteln des neunzehnten Jahrhunderts, vorrevolutionäre Zeit aus nachrevolutionärer Perspektive zu einem neuen, monumentalen Sitten- und Zeitgemälde verarbeitet werden? Die eingeblendeten Montagen aus Zeitungsartikeln, Manifesten und anderem dokumentarischen Material nämlich täuschen über den traditionalistischen Duktus dieser Epik nicht hinweg, auch nicht die zeitraffenden Übergangspassagen, die sich wie Drehbuchanweisungen lesen und deshalb wohl auch mit "Leinwand" überschrieben sind.

Und weiter: Wen interessiert es schon zu erfahren, an welchen Intrigen und strategischen Fehlberechnungen hirnloser Generalstäbler Samsonow gescheitert ist? Und wer wiederum wüßte nicht längst, daß der Zar schwach, der Hof korrupt, die Armee für den Krieg nicht gerüstet war? Daß die Revolution den nicht zu gewinnenden Krieg beerben mußte?

Darauf noch einmal hinzuweisen, an den Schicksalsläufen von historischen und fiktiven Helden, an Schlachtenschilderungen und korrigierenden Anmerkungen, das liefe auf literarischen Friedhofsdienst hinaus – es sei denn, Solschenizyn wüßte dem russischen Leser (und nur ihn visiert er, bei grandioser .Mißachtung westlichen literarischen Geschmacks, an) eine neue Konzeption über die bereits auf die historische Schutthalde beförderte Zeit vor 1917 anzubieten, eine Konzeption, die nicht etwa, wie das Michail Bulgakow in seiner "Weißen Garde" getan hat, wehmütige Reminiszenzen weckt, sondern verlorene Bewußtseinsinhalte wiederherstellt.

Das Interesse der sowjetischen Jugend, der sowjetischen Intelligenz für die Manifestierung der Moderne in Literatur und Kunst geht nicht zuletzt auf die Memoiren des vor vier Jahren gestorbenen Schriftstellers Ilja Ehrenburg zurück. Er hatte mit geradezu archäologischer Präzision den Kulturhumus einer Epoche freigelegt, die schon fast ebenso vergessen schien wie das Zeitalter der Phönizier. Er hatte – was Solschenizyn mit Samsonow oder dem russischen Oberbefehlshaber Nikolai Nikolajewitsch tut, dem er seine ganz besondere Hochachtung erweist – Mandelstam und Chlebnikow, Malewitsch und Kandinskij, Babel und Olescha, Bunin und Remisow aus den Kühlhäusern der politischen Tabus herausgeholt, wohin sie, trotz aller restaurativen Tendenzen, auch heute nicht mehr zurückzuversetzen sind.

Aber Solschenizyn ist alles andere als ein Freigeist, er ist auch kein Anhänger des ästhetischen Modernismus und am allerwenigsten ein Kosmopolit. Etwas anderes jedoch wäre nach der Lektüre dieses ersten "Knotens", der nun wirklich ein Knoten und noch dazu ein besonders fest geknüpfter ist, durchaus denkbar: Die Wiederentdeckung der spezifisch russischen Gläubigkeit als eines Bindegliedes zwischen der Zeit vor und nach der Oktoberrevolution. Nicht die Liebe zum Kirchengesang ist gemeint, die Duldung des Gottesdienstes oder die Leidenschaft für Ikonen, wie sie ein anderer sowjetischer Schriftsteller, Wladimir Solouchin, zum Thema seines schönen Buches "Die schwarzen Bretter" gemacht hat, sondern die Anerkennung Gottes als der "höchsten schöpferischen Kraft des Alls", wie es im Nachwort betont wird.

Daß die sowjetische Zensur, wie Solschenizyn schreibt, unter anderem von ihm gefordert habe, das Wort Gott entgegen russischer Gepflogenheit mit kleinem Anfangsbuchstaben zu schreiben, und daß er darauf nicht eingegangen sei, ist doch wohl mehr eine Glosse zum Thema Glauben. Bedeutend hingegen wäre eine Erklärung – und niemandem als Solschenizyn würde sie abgenommen werden –, warum die marxistische Lehre auf russische Verhältnisse übertragen werden konnte: nicht durch die Macht der proletarischen Minorität, die Kraft des Dogmas, nicht durch Lenin, sondern durch die natürliche Beziehung der Russen zu bestimmten Elementen des Marxismus, beispielsweise der Solidarität mit den Unterdrückten oder der Idee einer alle verbindenden Brüderlichkeit. Es ist auch nicht gesagt, daß er diese Erklärung aufgreifen wird; aber daß "August 1914" ein eminent christliches Buch ist, das steht schon heute fest: christlich nicht im kirchlichen, sondern im existentiellen Sinne verstanden, was wiederum die Empfänglichkeit des russischen Lesers beträchtlich erhöhen dürfte.