Von Dieter Buhl

All the News That’s Fit to Print" – "Alle Nachrichten", so verkündet es täglich das Motto auf der Titelseite der New York Times, "die es wert sind, gedruckt zu werden." Diese Maxime der Zeitung hat seit dem 13. Juni eine neue Dimension erhalten. An diesem Tag begann die Times mit dem Abdruck von Auszügen aus der Vietnam-Studie des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Die Veröffentlichung der Dokumente hat in den Vereinigten Staaten eine erregte Diskussion, über die Motive des Weltblattes ausgelöst und die grundsätzliche Frage provoziert: Wann dürfen Nachrichten, selbst wenn sie es noch so "wert" sind, aus Rücksicht auf die nationale Sicherheit nicht mehr publiziert werden?

Die Grenzen der Pressefreiheit in Amerika müssen neu gesteckt werden. Und es ist kein Wunder, daß es die New York Times war, die diese Notwendigkeit als erste aufzeigte. In seiner 120jährigen Geschichte hat das Blatt, getreu dem Grundsatz seines ersten große Verlegers Adolph S. Ochs, "Neuigkeiten ohne Furcht oder Bevorzugung zu vermitteln", mehr als einmal an Tabus gerüttelt und mit seiner Nachrichtenpolitik Furore gemacht. Dennoch hat es nie zuvor so viel Aufsehen erregt wie mit seinem "Projekt X". Hinter diesem Kodewort verbargen sich die Vorbereitungen für den Abdruck aus der Dokumentensammlung des Pentagon. Das Vorhaben stellte die New York Times vor zwei Probleme: Wie können auch nur die wesentlichsten Teile der umfangreichen Sammlung auf den Seiten der Zeitung untergebracht werden? Wie ist die Publizierung der zum Teil streng geheimen Studie zu verantworten?

Die in 47 Bänden und auf 7000 Seiten dokumentierte Geschichte des amerikanischen Engagements in Vietnam (nur einer der Bände war nicht im Besitz der Zeitung) stellte selbst die Redakteure der "größten täglichen Nachrichtensammlung der Welt" vor eine schier unlösbare Aufgabe. Bis dahin war der Umfang einer interessanten Neuigkeit in den Redaktionsräumen unweit des Times Square noch nie als ein Hindernis empfunden worden. Höchstens die Leser störte und stört es, sich durch die endlosen Artikel auf den täglichen sechzig bis siebzig Seiten zu arbeiten. Aber der mögliche Unmut ihrer Bezieher hatte "das Tagebuch der Menschheit" (die Times über die Times) nicht davon abgehalten, den gesamten Text des Versailler Vertrages zu drucken oder die 296 000 Worte des Warren-Reports in die Spalten einer Ausgabe einzurücken. Der Mut zur Ausführlichkeit überwand schließlich auch die Aktenberge aus dem Pentagon.

Aus dem Reservoir der über 350 Redakteure wurden neun der besten und verschwiegensten ausgewählt. Wichtigstes Mitglied der Sonderredaktion war Neil Sheehan, einer der rund 50 Washingtoner Times-Korrespondenten. Dem 34jährigen, der sich in Saigon seine journalistischen Sporen verdient hatte, war die Studie im März zugespielt worden. Im April bezog er mit seinen Kollegen eine riesige Zimmerflucht im elften Stock des New Yorker Hilton-Hotels. Sieben Wochen lang bereiteten die Redakteure dort die sensationellste Serie in der Geschichte ihrer Zeitung vor: Sie sichteten das Material, wählten die wichtigsten Passagen aus und verglichen sie mit offiziellen und offiziösen Stellungnahmen.

Doch schwerer wog die Entscheidung, die die Führung der Times treffen mußte. Die Zeitung verfügte über Material, das die Präsidenten bis zurück zu Harry Truman desavouierte. Sie besaß Dokumente, die letzten Endes die Kompetenz und die Integrität des amerikanischen Regierungssystems in Frage stellten. Der Verleger Arthur Ochs Sulzberger und die leitenden Redakteure Abraham M. Rosenthal, James Reston, Max Frankel und Tom Wicker mußten über eine Publikation entscheiden, mit der sie Politik und Geschichte machen würden.

Vor ähnlichen Alternativen hatte die New York Times schon öfter gestanden. Und sie hatte mehrfach bewiesen, daß sie die Verantwortung für die Nation als ein Korrelat zur Pressefreiheit ansah. So brachte sie im Frühjahr 1961 nur verschleierte Berichte über die bevorstehende Invasion auf Kuba, obwohl sie über alle Einzelheiten des Abenteuers in der "Schweinebucht" informiert war. "Wenn Sie mehr über die Operation veröffentlicht hätten", meinte Präsident Kennedy ein Jahr später gegenüber dem geschäftsführenden Herausgeber der Zeitung, Turner Catledge, "hätten Sie uns vor einem riesigen Fehler bewahrt." Auch während der Kuba-Krise 1962 hielt die New York Times mit ihrem Wissen zurück, Auf Bitten Kennedys vertagte sie einen Bericht über die sowjetischen Raketen auf Kuba, um die Kraftprobe zwischen Washington und Moskau nicht anzuheizen.