Von Christel Buschmann

Die bei Freud erwähnten „grellen Urteilstäuschungen“, denen wir beim Anhören obszöner Witze leicht erliegen („die Technik dieser Witze ist oft recht ärmlich, ihr Lacherfolg ein ungeheurer“), kommen nicht von ungefähr; ebensowenig die spezifischen Vorlieben einzelner Völker für bestimmte Witzthemen (den sauberen Deutschen und Holländern sagen Witzexperten eine erhöhte Empfänglichkeit für Fäkalwitze nach). Nicht von ungefähr kommt auch die Tatsache, daß der erotische Witz der bei weitem populärste aller Witztypen ist. Freud hat den Witz und seine Beziehung zum Unbewußten in einer gleichnamigen Studie zu Anfang dieses Jahrhunderts analysiert, und weder seine Theorie ist hinfällig geworden noch seine Kritik, daß der Witz noch lange nicht so gründlich untersucht worden sei, wie er es bei der Rolle, die er in unserem Gesellschaftsleben spielt, verdiene. Diese Kritik gilt besonders für den obszönen Witz, bei dem sich „eine Abneigung vom Stofflichen aufs Sachliche“ übertragen zu haben scheint.

Eine auf zwei Bände angelegte, ungeheuer materialreiche Sammlung und Analyse volkstümlichen Sexualhumors liegt jedoch nun vor –

Gershon Legman: „Der unanständige Witz – Theorie und Praxis“, Erste Serie („Rationale of the Dirty Joke“), aus dem Amerikanischen von Paul Baudisch und Uwe Bahnsen, Vorwort von Prof. Dr. Hans Giese; Hoff mann und Campe Verlag, Hamburg; 855 S., 58,– DM.

Über Witze ernst zu reden, scheint vielen von vornherein paradox. Witze seien zum Lachen da und nicht zum Zerreden, sie kommentieren heiße sie totmachen und sei ein eklatantes Beispiel für Humorlosigkeit. Dieses wissend, entschuldigt sich Legman wie damals Freud mehrfach für die Trockenheit seiner Ausführungen, die einem Leser nur allzu selbstverständlich vorkäme, hieße das Untersuchungsobjekt etwa „Kirchengrundrisse“. Außerdem läßt sich die Tatsache nicht leugnen, daß der Witz ein schwer objektivierbarer, weil „gefühlsbetonter Stoff“ (Legman) ist und vor allem der obszöne Witz Wissenschaftlern im allgemeinen nicht geeignet erscheint, seriöse Thesen angemessen zu belegen.

Gesammelt hat Legman, angeregt durch die Lektüre Freuds und später Martha Wolkensteins („Children’s Humour“), seit dreißig Jahren amerikanische und britische Sexualwitze und andere erotische Folklore, beispielsweise Volkslieder, Balladen, Verse, Limericks, Rätsel, Wortspiele, Kinderreime, Flüche, Blasphemien – ein Material, das nur selten im Druck festgehalten worden ist, und wenn, dann ausnahmslos in schwer zugänglichen Privatdrucken oder -manuskr.pten.

Eine weitere Schwierigkeit war die Trennung von echter und verfälschter Folklore. Legman nimmt einer Kritik an seiner Methode insofern den Wind aus den Segeln, als er ihre notwendigen Unzulänglichkeiten selber erörtert. Er beschreibt einen jahrhundertelangen Prozeß, der ihm heute in einer „paradoxen Situation“ zu gipfeln scheint: „Im Augenblick der größtmöglichen Massenzirkulation in Druck, Film, Fernsehen und so weiter ist das in Umlauf gesetzte Material, wo auch immer es an Folklore, an das Volkslied und dergleichen rührt oder zu rühren behauptet, fast völlig verfälscht.“