Von Theo Sommer

Timothy Raison, Esq., M. P., House of Commons,

London, S.W. l

Lieber Tim! Ich weiß, daß Sie jetzt allerhand um die Ohren haben. Es ist gewiß nicht einfach für Sie, den Leuten in Ihrem Wahlkreis die Regelung schmackhaft zu machen, die Ihr Parteifreund Geoffrey Rippon aus Brüssel mitgebracht hat – um so weniger, als Sie selber ja dem EWG-Beitritt stets mit großer Skepsis gegenüberstanden. Wir sprachen schon vor elf Jahren darüber, bei Henry Kissingers Sommerseminar in Harvard, und seitdem immer wieder bei mancherlei deutsch-britischen Begegnungen.

Wir kennen einander so gut, daß Sie, dessen bin ich sicher, diese Zeilen weder als unerbetene Belehrung noch als anmaßende Einmischung empfinden werden. Ihre Entscheidung hat meinen Respekt, wie immer sie ausfallen mag. Aber ich beschwöre Sie: Werfen Sie Ihr Herz über die Hürde!

Die Europäer haben nach dem Kriege schon einmal einen schwarzen Tag erlebt: den 30. August 1954, an dem die französische Nationalversammlung den Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu Fall brachte. Das Resultat waren anderthalb Jahrzehnte unnötiger, unnützer Nationalismus. Es wäre nicht nur betrüblich, es wäre fatal, wenn im Oktober 1971 die Briten den Europäern einen zweiten schwarzen Tag bereiteten, indem sie die Brüsseler Absprachen über die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft ablehnten. Das Ergebnis wäre voraussehbar, vorhersagbar: noch einmal zwei verlorene Jahrzehnte, an deren Ende wir dann von einer viel schlechteren Startposition aus den gleichen Anlauf noch ein weiteres Mal unternehmen müßten.

Wir können, Sie und ich, die alten Geschichten beiseite lassen. Let bygones be bygones. Daß Churchill 1946 in seiner berühmten Zürcher Rede recht eigentlich Europa den Rücken kehrte, daß Attlee nein sagte zur Montanunion, daß Macmillan listenreich versuchte, die werdende EWG in ihrer Entstehungsphase abzuwürgen – forget about it. Desgleichen: daß de Gaulle Ihnen zweimal rüde die europäische Tür vor der Nase zugeschlagen hat, 1963 und 1967 – forget about it. Auch den Vorwurf, die Bundesregierung habe sich nicht energisch genug für Englands Aufnahme eingesetzt, sollten wir am besten vergessen. Bonn hat getan, was es konnte; wie wir nun sehen, nicht ohne Erfolg.